Dazwischen mit Malu Dreyer (Ministerpäsidentin a.D., SPD)
Shownotes
Das ist der erste Teil meines Gesprächs mit Malu Dreyer. Den zweiten Teil gibt es als exklusiven Bonus Track nur für die DAZWISCHEN Unterstützer:innen auf Steady: https://steady.page/dazwischen-podcast
In dieser Episode habe ich eine ganz besondere Gästin: die ehemalige Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz – Malu Dreyer. Und ja, wir reden nicht nur über Politik, sondern auch über Oma-Sein, Frauenpower, Feminismus, Lieblings-Sneaker und das Leben in Trier.
Malu erzählt mir, warum Nelson Mandela für sie ein großes Vorbild war, weshalb sie schon mit 16 mutig nach Amerika ging und wie sie es schafft, eine starke Frau zu bleiben. Wir sprechen über ihre Kindheit in Neustadt an der Weinstraße, den patriarchalen Alltag der 60er und 70er, den Kampf für Gleichberechtigung – und warum sie bis heute junge Frauen in Führungsrollen unterstützt.
Natürlich geht’s auch um große Themen wie den Aufstieg der AfD, Demokratie in Gefahr, Europa als Hoffnung – aber eben genauso um Kosmetik, Lieblingsschuhe (Adidas Samba-Fans, aufgepasst!) und die Frage: Warum sollte man das gute Geschirr nur für Sonntage aufheben?
✨ Themen, über die wir sprechen:
- Malus Kindheit, Familie und erste Schritte Richtung Politik
- Feminismus damals und heute – vom Rollback bis zu „Tradwife“-Influencerinnen
- Wie man Demokratie im Alltag verteidigt
- Persönliche Einblicke: Bücher (Liste unten), Beauty und Barthaare (ja, wirklich!)
- Warum Trier ihr großes Glück wurde
- Und: wieso man das Leben nicht aufschieben sollte
Eine Folge voller Tiefgang, Humor und ganz viel Herz. Hört rein – ihr werdet Malu Dreyer von einer sehr persönlichen Seite kennenlernen. 💜
In der Episode werden folgende Bücher erwähnt:
„Besinnt euch“ von Gerhart Baum https://www.hugendubel.de/de/buchgebunden/gerhartbaum-besinnteuch-50282423-produkt-details.html
„Die Zukunft ist meine Freundin“ von Hajo Schumacher und Malu Dreyer https://www.amazon.de/Die-Zukunft-ist-meine-Freundin/dp/3869950838
„Die Elenden“ von Anna Mayr https://www.hugendubel.de/de/taschenbuch/annamayr-dieelenden-44674716-produkt-details.html
Foto-Credit: SPD Rheinland-Pfalz / Susie Knoll
Transkript anzeigen
00:00:00: Malu Dreyer: Oma Lu.
00:00:01: Simi Will: Oma Lu.
00:00:02: Malu Dreyer: So heiße ich.
00:00:03: Simi Will: Oma Lu. Ja.
00:00:05: Malu Dreyer: Oma Malu. Oma Lu.
00:00:08: Simi Will: Oma Lu.
00:00:08: Music: Music
00:00:14: Malu Dreyer: Nelson Mandela war für mich immer ein Riesenvorbild. Aber es ist gar nicht so,
00:00:19: Malu Dreyer: dass ich sagen könnte, ich habe politisch ein Vorbild, an dem ich mich orientiert
00:00:22: Malu Dreyer: habe. Und es war schon so, dass ich jetzt aufgrund meines Alters in vielen Positionen die erste war.
00:00:27: Malu Dreyer: Und es gab gar nicht so die Frauen, an denen man sich abarbeiten konnte.
00:00:33: Malu Dreyer: Es gibt ja so einen Punkt, der regt mich ja jedes Mal auf, wenn ich den sehe.
00:00:38: Malu Dreyer: Nämlich, wenn ältere Damen zum Beispiel vom Friseur kommen und dann so Barthaare haben.
00:00:43: Malu Dreyer: Und niemand darauf achtet, dass die weggemacht werden.
00:00:51: Malu Dreyer: Naja, ich habe mich verliebt in einen Mann, der war damals Witwer und hatte
00:00:56: Malu Dreyer: drei Kinder und sein Lebensmittelpunkt war hier in Trier.
00:01:00: Malu Dreyer: Und als wir dann für uns entdeckt haben, dass wir gerne zusammenbleiben wollen,
00:01:05: Malu Dreyer: gab es nur die Option Trier, weil einfach die Situation so war, wie sie war.
00:01:12: Simi Will: Immer und überall hörbar. Dazwischen mit Simi Will.
00:01:17: Simi Will: Ja, hallo zusammen. Hier bin ich wieder, eure Simi aus dem Dazwischen.
00:01:23: Simi Will: Heute, ich bin mega aufgeregt, habe ich eine extreme Berühmtheit.
00:01:28: Simi Will: Es ist niemand Geringeres als unsere Ministerpräsidentin.
00:01:33: Simi Will: Ade oder wie auch immer man dazu sagt, es ist die bezaubernde Malu Dreyer. Hallo Malu.
00:01:41: Malu Dreyer: Hallo Simi. Schön, was das denn für eine tolle Begrüßung. Vielen Dank.
00:01:46: Simi Will: Ja, ich bin natürlich mega stolz, dass du da bist.
00:01:48: Malu Dreyer: Sehr, sehr gerne.
00:01:50: Simi Will: Fantastisch. Und bei PolitikerInnen ganz besonders ist es ja immer toll,
00:01:56: Simi Will: weil die gut reden können.
00:01:57: Simi Will: Deswegen habe ich mich da sehr gefreut.
00:02:01: Simi Will: Ja, Malu, du warst in Berlin vor kurzem, gell? Mal wieder?
00:02:05: Malu Dreyer: Oh ja, ich bin eigentlich regelmäßig in Berlin. Also immer mal wieder so dienstlich.
00:02:10: Malu Dreyer: Nach wie vor mache ich das eine oder andere. Aber auch immer gerne privat,
00:02:14: Malu Dreyer: denn wir haben ja in der Familie Jensen jetzt den ersten Berliner Nachwuchs.
00:02:19: Malu Dreyer: Das heißt, wir haben auch echt persönliche Gründe, nach Berlin zu fahren. Das ist super.
00:02:24: Malu Dreyer: Da leben Sohn und Schwiegertochter und neuer Enkel.
00:02:28: Simi Will: Ah, da bist du schon Oma?
00:02:29: Malu Dreyer: Ich bin schon mehrfache Oma. Ich bin auch in Trier hier Oma.
00:02:33: Malu Dreyer: Wir haben schon drei Enkelkinder, Klaus und ich.
00:02:35: Simi Will: Oh Gott, hoffentlich hört mein Papa nicht zu. Der sagt dann, wann kriege ich Enkel?
00:02:39: Simi Will: Und dann sage ich mal, Papa, wir sind zu alt. Sagt er immer,
00:02:43: Simi Will: ah ja, stimmt ja. Ja, dreifache Oma. Wahnsinn.
00:02:46: Malu Dreyer: Ja, ist eigentlich richtig toll.
00:02:47: Simi Will: Ja, wie oft siehst du die Kids?
00:02:49: Malu Dreyer: Also die Trierer Kids kommen immer mal so einfach vorbei. Wir wohnen ja in unmittelbarer Nähe.
00:02:55: Malu Dreyer: Ja, nach Berlin müssen wir halt jetzt immer fahren. Aber ich fahre ohnehin sehr
00:02:58: Malu Dreyer: gerne nach Berlin. Ich bin gerne in Berlin.
00:03:01: Malu Dreyer: Und insofern ist das auch eine ganz tolle Gelegenheit, nach Berlin zu kommen.
00:03:04: Simi Will: Ich habe jetzt natürlich, weil Malu Dreyer Polit-Fame, da habe ich gesagt,
00:03:09: Simi Will: ich muss mich irgendwie vorbereiten.
00:03:11: Simi Will: Dann habe ich bei ChatGBT eingegeben, was es denn für Gossip rund um dich als
00:03:18: Simi Will: Ministerpräsidentin und Politikerin gibt. Nichts.
00:03:22: Simi Will: Ist es so? Gab es nie irgendeine Art von Skandal oder eine Scheidung oder eine
00:03:29: Simi Will: Doktorarbeit oder irgendwas?
00:03:31: Malu Dreyer: Nein, also meinen Doktor habe ich nicht gemacht. Also nachdem ich angefangen
00:03:35: Malu Dreyer: habe mit der Promotion, habe ich rechtzeitig aufgehört.
00:03:38: Malu Dreyer: Scherz, irgendwie war es nichts für mich und ich wollte einfach wirklich was
00:03:41: Malu Dreyer: Praktisches tun nach dem langen Studium und so.
00:03:44: Malu Dreyer: Nein, also es gab weder irgendwelche Steuerhinterziehungen noch irgendwelche
00:03:49: Malu Dreyer: Unterschlagungen von Geldmitteln oder Ähnliches.
00:03:52: Malu Dreyer: Nein, entspricht nicht meiner Mentalität.
00:03:54: Malu Dreyer: Und ich käme auch gar nicht auf die Idee, sowas zu tun.
00:03:59: Simi Will: Ja, wieso bist du so beliebt? Deswegen?
00:04:03: Malu Dreyer: Ach, das weiß ich nicht. Also ich glaube, tatsächlich hat es ganz schön viel damit zu tun.
00:04:08: Malu Dreyer: Es gibt ja diesen alten Spruch, wie es in den Wald reinruft,
00:04:11: Malu Dreyer: so kommt es auch zurück, dass ich eine grundsätzlich sehr positive Art habe
00:04:16: Malu Dreyer: als Mensch und ich auch sehr zugehend bin.
00:04:18: Malu Dreyer: Also ich kann auf Menschen zugehen. Ich kann auch anhören, was los ist.
00:04:23: Malu Dreyer: Ich frage auch, ist was okay oder nicht okay.
00:04:26: Malu Dreyer: Ich versuche authentisch oder habe versucht, authentisch Politik zu machen.
00:04:30: Malu Dreyer: Du siehst, wenn ich darüber rede, bin ich sofort wieder im Präsenz,
00:04:34: Malu Dreyer: nicht mehr in der Vergangenheit.
00:04:36: Malu Dreyer: Und weiß ich nicht. Also Menschen, ich liebe die Menschen. Vielleicht hat es
00:04:40: Malu Dreyer: ein bisschen was damit auch zu tun, dass das dann auch zurückkommt.
00:04:43: Simi Will: Ja, glaube ich auch. Glaube ich auch. Und ich glaube, wenn man das tut,
00:04:48: Simi Will: Was man gern tut, also dann wird man A, ureit, bin ich überzeugt von.
00:04:54: Simi Will: Und B, die Ausstrahlung hat man dann auch auf die anderen, dass man einfach mit sich froh ist.
00:05:00: Malu Dreyer: Ja, du sagst da genau das Richtige. Also ich werde ja, wurde ganz oft von jungen
00:05:03: Malu Dreyer: Leuten gefragt, was soll ich eigentlich tun und was für eine Option und ist
00:05:08: Malu Dreyer: Politik das Richtige und so.
00:05:09: Malu Dreyer: Wo es A und O ist, dass man das findet, was einem selber wirklich ganz viel bedeutet.
00:05:16: Malu Dreyer: Für mich ist Gerechtigkeit, gestalten zu können, immer die große Leidenschaft
00:05:21: Malu Dreyer: in meinem Leben gewesen.
00:05:22: Malu Dreyer: Und ich glaube tatsächlich, dass man es auch merkt, dass ich mit Werf und Engagement
00:05:26: Malu Dreyer: bei der Sache bin und auch mit den Jahren natürlich auch wahnsinnig viel gelernt
00:05:29: Malu Dreyer: habe. Also auch wusste, wovon ich spreche.
00:05:33: Simi Will: Aber wie hält man, also ich wäre ja auch gerne berühmt. Und du bist so berühmt,
00:05:38: Malu Dreyer: Simi.
00:05:38: Simi Will: Ja, regional, okay.
00:05:41: Malu Dreyer: Ja, also hallo.
00:05:43: Simi Will: Ja, stimmt. Du bist ja bei unserer ersten Begegnung, bist du ja auf mich zugekommen.
00:05:47: Simi Will: Simmi, endlich lernen wir uns kennen.
00:05:49: Malu Dreyer: Ja, das stimmt.
00:05:50: Simi Will: Da war ich total perplex. Da dachte ich, die Frau Ministerpräsidentin.
00:05:54: Malu Dreyer: Naja, also es ist tatsächlich so, dass viele dich hier kennen in der Region.
00:05:58: Malu Dreyer: Aber klar, du warst ja auch in Berlin eine bekannte Nummer.
00:06:01: Malu Dreyer: Das ist ja einfach so. Ja, so ein bisschen. Aber Nummer ist irgendwie ein falsches
00:06:04: Malu Dreyer: Wort. Also du bist einfach eine coole Frau. Interessante Frau.
00:06:08: Simi Will: Hört, hört. Starke Frau.
00:06:12: Simi Will: Starke Frau, starke Männer. Was ist denn für dich überhaupt eine starke Frau?
00:06:17: Simi Will: Bist du eine starke Frau? Ich sag mal ja.
00:06:20: Malu Dreyer: Ich sage auf jeden Fall. Also ich bin eigentlich aufgewachsen in einer ziemlich
00:06:28: Malu Dreyer: behüteten Situation, das muss ich vorausschicken.
00:06:31: Malu Dreyer: Aber auch mit dem Bewusstsein, weil ich eine coole Mutter hatte,
00:06:35: Malu Dreyer: dass es total wichtig ist als Mädchen. Ich bin ja immerhin schon 1961 geboren.
00:06:39: Malu Dreyer: Da war das alles noch nicht so ganz super normal.
00:06:43: Simi Will: Im Jahr der Pille geboren.
00:06:46: Malu Dreyer: Das ist aber auch noch die Generation der Baby-Puma mit der Pille.
00:06:51: Malu Dreyer: Das kam dann erst so ganz langsam.
00:06:53: Malu Dreyer: Ja, dass ich als Mädchen wirklich auch schaue, dass ich einen guten Weg gehe,
00:06:58: Malu Dreyer: dass ich selbstständig bin.
00:07:00: Malu Dreyer: Es war ja auch ein bisschen anders, als es heute ist. Wir waren alle glücklich
00:07:04: Malu Dreyer: und happy, Als wir dann irgendwann das Elternhaus verlassen konnten und selbstständig
00:07:09: Malu Dreyer: waren und unabhängig waren.
00:07:11: Malu Dreyer: Und das habe ich wirklich so mitgekriegt von zu Hause meiner Mutter,
00:07:15: Malu Dreyer: die für ihre Generation, also wir waren drei Kinder, die hat gearbeitet,
00:07:19: Malu Dreyer: das war ja ganz ungewöhnlich, die hat dann auch mit Mitte 40 einen Führerschein
00:07:23: Malu Dreyer: gemacht und all so Sachen.
00:07:24: Malu Dreyer: Und davon habe ich mir eine ganze Scheibe abgeguckt.
00:07:27: Malu Dreyer: Ich habe ganz viel Stärke mitgekriegt. Ich bin schon mit 16 nach Amerika für
00:07:32: Malu Dreyer: ein ganzes Jahr und dann sagt jeder, naja, was ist das schon? Ja, war viel.
00:07:37: Malu Dreyer: Kein Internet, können sich die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen wahrscheinlich gar nicht vorstellen.
00:07:42: Malu Dreyer: Das heißt, es gab kaum Kommunikation mit der Person, die nicht da war.
00:07:45: Malu Dreyer: Zweimal anrufen im Jahr.
00:07:47: Malu Dreyer: Und es war so ein bisschen wie Auswandern. Und für mich war es ein Riesenabenteuer.
00:07:51: Malu Dreyer: Und meine Eltern haben mir das alles ermöglicht. Und ich bin deshalb,
00:07:54: Malu Dreyer: habe ich viel erlebt in meinem Leben.
00:07:56: Malu Dreyer: Ich muss auch in vielen Krisen irgendwie klarkommen. Aber ich bin fest davon
00:08:01: Malu Dreyer: überzeugt, dass mir das immer mehr Stärke gegeben hat, mit der Situation noch
00:08:06: Malu Dreyer: gut umzugehen und für Frauenrechte zu kämpfen.
00:08:09: Simi Will: Wo bist du eigentlich aufgewachsen? Also wo war das in der Bundesrepublik?
00:08:13: Malu Dreyer: Ja, in Neustadt an der Weinstraße. Das ist in der Pfalz, in der Südpfalz,
00:08:17: Malu Dreyer: muss man genauer sagen. Ist eigentlich auch eine sehr schöne Region.
00:08:20: Malu Dreyer: Auch gut katholisch, damals auch politisch sehr CDU.
00:08:25: Malu Dreyer: Ganz viel CDU. Mein Vater war ja auch politisch aktiv in der CDU.
00:08:30: Simi Will: Das hat er gemacht beruflich?
00:08:31: Malu Dreyer: Der ist Direktor einer Berufsschule. Er war Berufsschullehrer und ist dann Direktor
00:08:35: Malu Dreyer: gewesen in den letzten Jahrzehnten.
00:08:38: Malu Dreyer: Und meine Mutter Erzieherin. Ich bin in einem wirklichen pädagogischen Haushalt groß geworden.
00:08:44: Malu Dreyer: Ja, also Neustadt war auch ein bisschen Idylle.
00:08:48: Malu Dreyer: Einfach, wir haben da sehr viel Wald. Da ist ja der Felser Wald um uns herum.
00:08:52: Malu Dreyer: Ich bin im Schatten des Hambacher Schlosses groß geworden. Ich mache immer Witze
00:08:55: Malu Dreyer: darüber, dass daher mein Freiheitstrank kam schon in jungen Jahren.
00:08:59: Malu Dreyer: Aber tatsächlich ist das natürlich ein toller Ort der Demokratie.
00:09:03: Malu Dreyer: Und meine Eltern haben immer auch so ein bisschen geguckt, dass wir solche Dinge
00:09:07: Malu Dreyer: auch mitbekommen haben. Aber gleichzeitig bedeutete eben Wald und Natur und
00:09:12: Malu Dreyer: auch ganz viel Freiheit als Kinder.
00:09:16: Simi Will: Also Helikoptereltern gab es da nicht. Also das weiß ich auch.
00:09:20: Malu Dreyer: Nee, das waren keine Helikoptereltern, sondern wir hatten einfach viele Möglichkeiten als Kinder.
00:09:25: Malu Dreyer: Also wir waren ja schon zu dritt, aber der Haushalt bei uns war so gestrickt,
00:09:29: Malu Dreyer: dass wir immer auch noch Freunde dabei hatten.
00:09:31: Malu Dreyer: Also wenn wir in Ferien gefahren sind, waren immer auch noch andere Kinder dabei.
00:09:33: Malu Dreyer: Wir waren oft im Felserwald zum Spielen und dann auch so Zeug wie Kastanien pflücken und ernten,
00:09:41: Malu Dreyer: damit wir dann später die kochen konnten zu Hause oder Heidelbeeren und Bäche stauen,
00:09:48: Malu Dreyer: mit dem Schlitten im Winter da unterwegs zu sein.
00:09:50: Malu Dreyer: Also all so Dinge, die echt so nach Idylle klingen und als Kind war es auch tatsächlich so.
00:09:56: Simi Will: Das kenne ich auch ein bisschen so. Aber was ich immer dazu erzähle aus meiner
00:10:02: Simi Will: 70er-Jahre-Kindheit, ist eine gewisse Doppelmoral im Dorf.
00:10:08: Simi Will: Die es auch gab. Also, dass die Leute noch ganz viel verdrängen mussten von
00:10:12: Simi Will: der Zeit davor, sich das noch nicht so angucken konnten.
00:10:16: Malu Dreyer: Ja, das ist das eine. Aber das andere, was mir noch viel stärker auch immer
00:10:20: Malu Dreyer: und immer wieder in Erinnerung ist, ist, dass wir schon noch in einer sehr patriarchalen
00:10:24: Malu Dreyer: Gesellschaft gelebt haben.
00:10:26: Malu Dreyer: Das heißt, mein Vater, so sehr der auch ein guter Vater war,
00:10:30: Malu Dreyer: war aber natürlich trotzdem der totale Patriarch in dieser Familie.
00:10:34: Malu Dreyer: Und dass meine Mutter sich so entwickeln konnte, Und da hat schon was mit ihrer
00:10:37: Malu Dreyer: eigenen Stärke zu tun. Das war aber damals nicht unbedingt die Normalität.
00:10:41: Malu Dreyer: Der Chef hat Sagen gehabt und es war im Grunde in unserer Familie auch so.
00:10:45: Simi Will: Das ist was, wo ich immer dran denke, als ich Mad Men gesehen habe.
00:10:50: Simi Will: Das habe ich wahrscheinlich auch schon mal in irgendeiner Folge gesagt.
00:10:53: Simi Will: Weil in Deutschland ja immer alles erst zehn Jahre später passiert ist,
00:10:56: Simi Will: was in New York eben schon Mitte der 60er war, war bei uns dann Mitte der 70er.
00:11:01: Malu Dreyer: Ja, eigentlich waren das auch die Wurzeln meiner feministischen Aktivität dann,
00:11:05: Malu Dreyer: die ja eigentlich sehr früh begonnen hat, weil ich als Mädchen,
00:11:09: Malu Dreyer: Gott sei Dank, trotz Patriarchat als Vater, Patriarch als Vater,
00:11:13: Malu Dreyer: wollten meine Eltern, dass ich eine gute Bildung genieße.
00:11:16: Malu Dreyer: Und ich durfte eben Abi machen, ich durfte studieren. Das war damals nicht normal.
00:11:20: Malu Dreyer: Und meine Freundinnen, ganz viele meiner Freundinnen durften das nicht.
00:11:23: Malu Dreyer: Da haben die Eltern wirklich noch diese Sätze drauf gehabt.
00:11:26: Malu Dreyer: Warum sollen wir jetzt die Jahre verschwenden? Das Geld ist doch dein Lebensweg
00:11:29: Malu Dreyer: eh klar. Heiraten und so weiter und so fort.
00:11:31: Malu Dreyer: Und das fand ich damals so extrem ungerecht, Nichts, dass ich wirklich im Grunde
00:11:37: Malu Dreyer: mit 18, 19 eingestiegen bin in die feministische Mädchenarbeit und Frauenpolitik.
00:11:43: Malu Dreyer: Als Nicht-Parteiarbeit, sondern einfach als gesellschaftspolitische Aktivität.
00:11:48: Malu Dreyer: Ich wollte nicht mehr, dass es so ungerecht bleibt und dass Mädchen nicht die
00:11:52: Malu Dreyer: gleichen Chancen haben wie Jungs eben.
00:11:54: Simi Will: Und das war quasi dein Einstieg in Politik?
00:11:57: Malu Dreyer: Ja, also wir waren ja eine extrem politische Familie durch meinen Vater.
00:12:01: Malu Dreyer: Und bei uns wurde immer diskutiert um alles in der Welt, auch immer sehr, sehr kontrovers.
00:12:06: Malu Dreyer: Das war so das Ding, wo meine Mutter immer sagt, muss das sein,
00:12:10: Malu Dreyer: dass ihr jetzt schon wieder über Politik redet?
00:12:11: Malu Dreyer: Aber das war eigentlich toll, fand ich, weil mich das so politisch sozialisiert hat.
00:12:16: Malu Dreyer: Und dann war mein Leidenschaftsthema, was ich dann sehr schnell gefunden habe,
00:12:20: Malu Dreyer: war einfach diese große...
00:12:22: Malu Dreyer: Und Ungerechtigkeit, was die Geschlechterparität betrifft. Und das war dann
00:12:26: Malu Dreyer: auch wirklich eines meiner ganz großen Lebensthemen.
00:12:29: Simi Will: Bist du da jetzt noch aktiv?
00:12:31: Malu Dreyer: Ja, also ich bin ja in Ruhestand, wie du das weißt.
00:12:36: Malu Dreyer: Aber ich habe viele Anfragen von jungen Abgeordneten oder Frauen,
00:12:41: Malu Dreyer: die Bürgermeisterin werden wollen.
00:12:43: Malu Dreyer: Oder von Fortbildungsveranstaltungen, die dann gerne mal eine praktische Stimme
00:12:48: Malu Dreyer: einfach hören wollen und Erfahrungen hören wollen. Und das mache ich immer, immer, immer.
00:12:52: Malu Dreyer: Das ist etwas, was ich wirklich annehme, weil dieses Thema Frauen fördern,
00:12:57: Malu Dreyer: Frauen unterstützen, das ist bis heute mein Lebensthema.
00:13:00: Malu Dreyer: Und leider ist es in unserer Gesellschaft ja nach wie vor so,
00:13:03: Malu Dreyer: dass Frauen wirklich auch Support brauchen in vielen Bereichen.
00:13:06: Simi Will: Da gehe ich sogar noch weiter, weil ich dachte mal, in den 80ern,
00:13:10: Simi Will: so nach dem Abi und während des frühen Studiums, war es so, dass ich mich sehr
00:13:15: Simi Will: emanzipiert gefühlt habe.
00:13:17: Simi Will: Und ich habe jetzt den Eindruck, dass es wieder zurückgeht.
00:13:22: Simi Will: Wir haben damals an der Uni zum Beispiel, muss ich öfter daran denken,
00:13:25: Simi Will: immer das Gendern belächelt.
00:13:27: Simi Will: An der Hochschule wurde ja schon gegendert in den 80ern, so mit Doppelpunkt
00:13:33: Simi Will: und wie soll man das denn schreiben. Und da haben wir uns immer ein bisschen lustig drüber gemacht.
00:13:36: Simi Will: Als es jetzt wieder quasi zum Thema wurde, war ich zuerst, dachte ich mir,
00:13:41: Simi Will: ist doch Quatsch, das mit dem Gendern, da braucht man doch heute nicht mehr drüber reden.
00:13:46: Simi Will: Und so ist es ja eben gar nicht. Man muss ja genau jetzt da wieder drüber reden.
00:13:51: Malu Dreyer: Ja, absolut. Ich stimme dir total zu. Wir erleben tatsächlich einen Rollback.
00:13:55: Malu Dreyer: Das hat natürlich was mit der AfD zu tun, mit den rechten Parteien,
00:13:58: Malu Dreyer: mit dem Konservatismus, der halt auch sich wirklich breit macht.
00:14:02: Malu Dreyer: Und es hat damit zu tun, dass wir in den sozialen Medien teilweise Podcasts haben.
00:14:09: Malu Dreyer: Mit Millionen von Followers, Frauen, die ich mir hätte niemals vorstellen können.
00:14:15: Malu Dreyer: Wie Treadwife, kennst du das zufällig?
00:14:17: Simi Will: Das sind diese Hausfrauen-Schönchen, die irgendwie alles für ihren Mann machen?
00:14:20: Malu Dreyer: Das sind Influencerinnen, die eigentlich einen Haufen Geld damit verdienen.
00:14:25: Malu Dreyer: Und den Frauen halt erzählen, Traditional Wife, erzählen, dass es einfach super
00:14:31: Malu Dreyer: ist, zu Hause zu sein und zu kochen und Rezepte auszuprobieren und schön auszusehen
00:14:36: Malu Dreyer: und so weiter und so fort.
00:14:37: Malu Dreyer: Und solche Podcasts gibt es etliche und es gibt viele, viele junge Frauen,
00:14:42: Malu Dreyer: die sich auch ein ganzes Stück daran orientieren.
00:14:46: Malu Dreyer: Und wenn man Debatten erlebt im Parlament, als ich noch aktiv war,
00:14:51: Malu Dreyer: wenn eine AfD beispielsweise kritisch hinterfragt, ob Krippenplätze ausgebaut
00:14:56: Malu Dreyer: werden und ob die Kinder nicht besser in den Händen der Mütter sind in den ersten Jahren,
00:15:02: Malu Dreyer: dann weiß man, das ist alles nicht gut.
00:15:04: Malu Dreyer: Und das hilft eben auch nicht, dass man das letzte Stück der Gleichberechtigung,
00:15:09: Malu Dreyer: nämlich wirklich gleiche Gehälter
00:15:11: Malu Dreyer: und wirklich an der Spitze eine repräsentative Quote und nicht nur 20,
00:15:15: Malu Dreyer: 30 Prozent oder in den Top-Jobs gibt es ja teilweise immer noch eine ganz starke Unterrepräsentanz,
00:15:23: Malu Dreyer: dass man das nicht unbedingt hinkriegt, weil da bräuchte man noch Support und keinen Rollback.
00:15:27: Simi Will: Ja, Thema AfD, bevor ich mich wieder verfranse.
00:15:32: Simi Will: Wie fühlte sich das an für dich,
00:15:35: Simi Will: als du aktiv in der Politik bist und plötzlich kommt so eine AfD daher?
00:15:40: Malu Dreyer: Ja, schrecklich. Also mir war von Anfang an eigentlich ziemlich schnell klar,
00:15:45: Malu Dreyer: dass die AfD jetzt eigentlich diese Lücke füllt, die in der Vergangenheit nicht da war.
00:15:49: Malu Dreyer: Nämlich im Grunde, ich sage es mal so platt, so ein Gefäß zu offerieren,
00:15:56: Malu Dreyer: wo all diese rechten Stimmen im Grunde ihre Heimat finden können.
00:16:00: Malu Dreyer: Das war ja, früher gab es ja natürlich auch Menschen, die rechtsextremistisch gedacht haben.
00:16:06: Malu Dreyer: Man sagt sogar in den Studien, die ich auch immer sehr eng verfolgt habe,
00:16:09: Malu Dreyer: seit vielen, vielen Jahrzehnten, dass es in Deutschland ein Potenzial zwischen
00:16:12: Malu Dreyer: 15 und 20 Prozent gibt. Aber die Leute waren wirklich eher verteilt.
00:16:17: Malu Dreyer: Da waren natürlich Menschen früher in der NPD oder beim Dritten Weg,
00:16:21: Malu Dreyer: aber manche waren dann eben auch einfach unpolitisch oder haben sich nicht getraut,
00:16:24: Malu Dreyer: das zu sagen oder sind in den großen Parteien auch einfach so ein Stück untergegangen,
00:16:29: Malu Dreyer: weil sie dort auch irgendwo waren und aber sich nicht ihre Ideologie nicht so ausleben konnten.
00:16:34: Malu Dreyer: Und das hat sich halt mit der AfD wirklich total verändert.
00:16:37: Malu Dreyer: Mit der AfD finden rechtsextremistisch denkende Menschen ihre Heimat und leider
00:16:43: Malu Dreyer: auch viel zu viele Mitläufer.
00:16:46: Simi Will: Es geht ja die mehr. Ich habe keine Statistiken oder so.
00:16:50: Simi Will: Ich habe mich immer gefragt, wer wählt die denn? Ich muss doch auch jemanden
00:16:53: Simi Will: kennen, der die wählt. Weil die Zahlen, ich kenne sehr verschiedene Leute,
00:16:58: Simi Will: würde ich mal denken, versuche auch außerhalb meiner Bubble mit Leuten ins Gespräch zu kommen.
00:17:04: Simi Will: Noch nicht so lange, muss ich gestehen. Aber ich versuche das jetzt.
00:17:08: Simi Will: Und ich merke, dass meine Toleranz so gering ist, auch zuzuhören oder mit jemandem,
00:17:15: Simi Will: der wirklich bekennend AfD wählt, dem würde ich die Freundschaft kündigen,
00:17:20: Simi Will: weil ich das nicht aushalten würde.
00:17:22: Malu Dreyer: Ja, also ganz ehrlich, ich kann mir auch nicht vorstellen, im Freundeskreis
00:17:26: Malu Dreyer: Menschen zu haben, die AfD wählen. Das wäre für mich auch echt ein Problem.
00:17:30: Malu Dreyer: Aber was wir, glaube ich, schon lernen müssen, es ist ja ganz gut,
00:17:34: Malu Dreyer: wenn du das so sagst, dass wir stärker aus unseren Bubbles raustreten müssen
00:17:37: Malu Dreyer: und wieder dafür sorgen müssen, dass Menschen stärker auch übergeordnet miteinander
00:17:42: Malu Dreyer: ins Gespräch kommen, über alles Mögliche.
00:17:45: Malu Dreyer: Und da glaube ich auch, dass man sehr klar sein muss, wenn klar wird.
00:17:53: Malu Dreyer: Dass jemand in Richtung AfD tickt.
00:17:55: Malu Dreyer: Aber wir trotzdem auch die Toleranz für uns entwickeln müssen,
00:17:59: Malu Dreyer: den Menschen zuzuhören und auch zu gucken, was sie bewegt und auch mit Argumenten
00:18:03: Malu Dreyer: dagegen zu halten. Also man muss nichts gefallen lassen.
00:18:05: Malu Dreyer: Man sollte auch nichts stehen lassen, was aus der eigenen Sicht,
00:18:09: Malu Dreyer: das ist meine Meinung, undemokratisch beispielsweise ist.
00:18:14: Malu Dreyer: Aber man muss sich, glaube ich, viel mehr die Mühe geben, dann mit den Leuten
00:18:17: Malu Dreyer: auch ins Gespräch zu kommen und zu sagen, sag mal, hast du eigentlich mal überlegt?
00:18:21: Malu Dreyer: Also wenn im Betrieb beispielsweise ausländerfeindliche Dinge aufkommen,
00:18:26: Malu Dreyer: Dann das klarzustellen, aber gleichzeitig dann eben auch zu sagen,
00:18:30: Malu Dreyer: sag mal, du arbeitest doch schon 20 Jahre mit dem zusammen.
00:18:34: Malu Dreyer: Wie kommst du eigentlich darauf, sowas zu sagen? Also die Leute auch stärker
00:18:38: Malu Dreyer: zu konfrontieren mit den Dingen, die dann so ausgesprochen werden.
00:18:41: Malu Dreyer: Ich gebe dir trotzdem recht, die Demokratie, die ist ganz schön auch hier in Gefahr geraten.
00:18:48: Malu Dreyer: Die AfD ist die zweitstärkste Partei im Deutschen Bundestag und wenn man nach
00:18:54: Malu Dreyer: Ostdeutschland schaut, das sieht man ja in ganz vielen Gemeinden,
00:18:58: Malu Dreyer: ist die AfD absolut dominant.
00:19:00: Malu Dreyer: Und wir haben ja selbst in Westdeutschland auch, wo wir das noch nicht so flächendeckend
00:19:05: Malu Dreyer: haben, das Phänomen, aber doch wahnsinnig hohe Prozentzahlen,
00:19:08: Malu Dreyer: wonach die AfD gewählt wird und wonach auch viele Menschen sympathisieren mit der AfD.
00:19:14: Malu Dreyer: Und deshalb, wir haben wirklich einen Job. Also Demokratie retten kann man nicht
00:19:18: Malu Dreyer: dadurch, indem man hofft, dass die Politik es richtet, sondern Demokratie retten
00:19:23: Malu Dreyer: heißt eigentlich, dass jeder von uns etwas tun muss und engagiert sein muss,
00:19:27: Malu Dreyer: um seinen Beitrag zu leisten.
00:19:30: Simi Will: Ich denke, also ich weiß ja immer Bescheid, wie du ja weißt.
00:19:35: Simi Will: Das ist ja auch so praktisch.
00:19:38: Simi Will: Und ich fände es ganz toll,
00:19:42: Simi Will: wenn wir viel da rein investieren würden, dass wir sagen,
00:19:47: Simi Will: wir gucken mal, was in unserem Bildungssystem perspektivisch verändert werden
00:19:53: Simi Will: kann, angepasst werden kann, damit die, die nach uns kommen,
00:19:58: Simi Will: wieder Lust haben oder dass es schick ist, dass es cool ist,
00:20:03: Simi Will: eigenverantwortlich zu sein.
00:20:06: Simi Will: Weil ich habe so das Gefühl, durch die digitale Revolution, die sich ja über
00:20:10: Simi Will: die letzten Jahre so unsere Gesellschaft auch mit verändert hat und so weiter und so fort,
00:20:14: Simi Will: Die einen sind mitgekommen, die anderen nicht so. Ist ja auch immer so bei Neuerungen.
00:20:18: Simi Will: Dass wir jetzt einfach, glaube ich, den Auftrag haben zu sagen,
00:20:22: Simi Will: wir müssen jetzt wieder dahin gehen, dass wir uns nicht in dem Schwarm verstecken,
00:20:27: Simi Will: sondern dass wir sagen, ich gucke, was ich tun kann, weil ich ein Mensch bin und kein Kater,
00:20:34: Simi Will: habe ich die Verantwortung dafür zu sorgen, dass wir miteinander im Gespräch
00:20:38: Simi Will: bleiben, dass wir uns gegenseitig respektieren und dass wir für das, was in der Welt ist,
00:20:44: Simi Will: selber mitverantwortlich sind und nicht nur meckern.
00:20:48: Malu Dreyer: Ja, absolut. Aber ja, stimmt alles, was du gesagt hast.
00:20:52: Malu Dreyer: Aber gar nicht nur jetzt. Klar, wir müssen immer aufs Bildungssystem schauen.
00:20:55: Malu Dreyer: Aber tatsächlich stimmt das, was du sagst. Im Moment ist es so,
00:20:59: Malu Dreyer: dass jeder und jede von uns gefordert ist.
00:21:01: Malu Dreyer: Manchmal denken ja Leute, man übertreibt, wenn man das sagt.
00:21:04: Malu Dreyer: Aber ich kann nur sagen, guckt euch um in Europa, guckt euch um in der Welt.
00:21:08: Malu Dreyer: Es ist immer die gleiche Story. Das sind Parteien, die Menschen ausgrenzen, marginalisieren.
00:21:15: Malu Dreyer: Das sind Menschen, die Oppositionelle lächerlich machen oder bekämpfen.
00:21:20: Malu Dreyer: Da passiert es, guck nach Ungarn, guck nach Polen vor der letzten Wahl,
00:21:25: Malu Dreyer: wo die Justiz im Grunde gleichgeschaltet wird, weil man einfach seinesgleichen
00:21:28: Malu Dreyer: dahinsetzt und die eben regierungswillig sozusagen urteilen und nicht unabhängig
00:21:34: Malu Dreyer: urteilen. Und guck dir die Presse an.
00:21:36: Malu Dreyer: Und in Deutschland ist es ja eben auch so, dass penetrant versucht wird,
00:21:41: Malu Dreyer: beispielsweise mit Begriffen wie Lügenpresse und, und, und.
00:21:44: Malu Dreyer: Und natürlich die ganzen Fake News über die sozialen Netzwerke,
00:21:48: Malu Dreyer: die ja auch teilweise von Algorithmen gesteuert sind, wo keiner dahinter schauen kann, was da läuft.
00:21:54: Malu Dreyer: Das alles gefährdet eigentlich unser System.
00:21:57: Malu Dreyer: Und deshalb ist es so total wichtig, in Ostdeutschland gibt es Gemeinden,
00:22:01: Malu Dreyer: da ist kein Mensch mehr bereit, als Bürgermeister zu kandidieren.
00:22:04: Malu Dreyer: Jenseits der AfD, weil die Leute sich bedroht fühlen oder ihre Familien bedroht fühlen.
00:22:09: Malu Dreyer: Und umso wichtiger ist es, dass wir das kapieren.
00:22:12: Malu Dreyer: Und etwas tun für die Demokratie. Und das heißt als allererstes,
00:22:17: Malu Dreyer: Simi, dass wenn wir kamen daher, wenn irgendwo im Bekanntenkreis oder bei Gesprächen
00:22:22: Malu Dreyer: klar ist, da gibt es Sympathien dafür.
00:22:25: Malu Dreyer: Nicht aburteilen oder ähnliches, aber versuchen, mit solchen Leuten ins Gespräch
00:22:30: Malu Dreyer: zu kommen und nicht zu sagen, ist mir egal, weil jede Stimme für die AfD oder
00:22:34: Malu Dreyer: für eine rechtsextremistische Partei ist eine zu viel,
00:22:37: Malu Dreyer: wenn es darum geht, unsere Demokratie zu verteidigen.
00:22:40: Simi Will: Ja, und da auch zu fragen, warum.
00:22:44: Simi Will: Also das glaube ich ist immer, also ich weiß jetzt egal, um was es geht,
00:22:48: Simi Will: wenn ich gefragt, ich will auch gefragt werden, warum, damit ich das erklären kann.
00:22:53: Simi Will: Und ich glaube, wenn ich was nicht erklären kann, bin ich ganz schnell da,
00:22:58: Simi Will: dass ich überlege, okay, vielleicht ist es ja doch anders.
00:23:01: Malu Dreyer: Ja und ich glaube auch, dass das gar nicht mehr fragen, das ist ja jetzt eher
00:23:05: Malu Dreyer: so ein bisschen der Standard gerade in der Gesellschaft, das führt auch so ein
00:23:08: Malu Dreyer: bisschen dazu, dass die Leute sich total abgewertet fühlen.
00:23:11: Malu Dreyer: Und das ist auch nicht gut auf Dauer, sondern man muss eigentlich wieder versuchen,
00:23:16: Malu Dreyer: dass man in so eine Atmosphäre des Gesprächs, des Respekts miteinander kommt in irgendeiner Weise.
00:23:22: Simi Will: Wer ist denn dein Lieblingspolitiker gewesen? Oder wer ist für dich jemand,
00:23:26: Simi Will: wo du sagst, boah, tolle Frau, toller Mann, dem habe ich geglaubt.
00:23:32: Simi Will: Wollen wir mal was Positives aus der Politik?
00:23:35: Malu Dreyer: Naja, ich hatte ja viele Kollegen, Kolleginnen, mit denen ich ganz gut klargekommen bin.
00:23:42: Malu Dreyer: Das sind ja teilweise Leute, weiß ich gar nicht, ob die dann immer alle so bekannt sind.
00:23:47: Malu Dreyer: Aber was, wenn jeder kennt, ist Manuela Schwesig.
00:23:50: Malu Dreyer: Ja, und da gibt es wirklich so eine besondere Story zwischen uns.
00:23:55: Malu Dreyer: Die kam nämlich direkt nach der Wende, wo das ist ja Ministerin.
00:23:58: Malu Dreyer: Und ich weiß noch, ich habe damals, das ist jetzt alles so fachlicher Kauderwelsch,
00:24:01: Malu Dreyer: ich habe damals die SPD-Bundesländer koordiniert als Sozialministerin und Gesundheitsministerin.
00:24:09: Malu Dreyer: Und da gab es regelmäßig Treffen, wo wir uns miteinander abgesprochen haben,
00:24:13: Malu Dreyer: in welche Richtung wollen wir eigentlich politisch agieren.
00:24:16: Malu Dreyer: Und irgendwann nach der Wahl kam plötzlich Manuela Schwesig hier reingeschwebt.
00:24:20: Malu Dreyer: Geschwebt. Eine blutjunge Frau, die so ganz selbstverständlicherweise,
00:24:25: Malu Dreyer: wie es üblich war in der ehemaligen DDR, Kinder hatte, Familie hatte,
00:24:30: Malu Dreyer: Aufstrebenden, Ehrgeiz hatte und, und, und.
00:24:33: Malu Dreyer: Und wir haben uns eigentlich von Anfang an sehr gut verstanden,
00:24:35: Malu Dreyer: obwohl wir sehr unterschiedlich sind.
00:24:38: Malu Dreyer: Wir haben oft Witze darüber gemacht, die Ost-West und andere Generationen und so weiter.
00:24:44: Malu Dreyer: Und wir haben eigentlich ein Leben lang, also Leben lang, seit wir uns politisch
00:24:48: Malu Dreyer: kennen, ganz gut verstanden.
00:24:50: Malu Dreyer: In Rheinland-Pfalz, und das war ja auch eine bundespolitische Größe,
00:24:54: Malu Dreyer: habe ich mich bis zum heutigen Tag super verstanden mit Andrea Nahles.
00:24:58: Malu Dreyer: Also das ist wirklich eine wahnsinnig tolle Frau.
00:25:02: Malu Dreyer: Und es ist sicherlich, viel ist nicht so gut gelaufen, aber die Frau ist eigentlich
00:25:08: Malu Dreyer: eine ganz ehrliche, tatkräftige.
00:25:11: Malu Dreyer: Jeder, der die näher kennt, muss sie mal einladen, dann wirst du das bestätigen.
00:25:15: Simi Will: Ich habe die tatsächlich mal, ich glaube, an der Republika in Berlin.
00:25:18: Simi Will: Habe ich sie mal gehört und da ging es zum Thema natürlich Arbeitsmarkt damals
00:25:23: Simi Will: auch schon und da ging es, ich weiß nicht mehr, um irgendwas,
00:25:28: Simi Will: damals genau, bedingungsloses Grundeinkommen.
00:25:30: Simi Will: War damals relativ fresh und ich finde die Idee nach wie vor nicht so verkehrt,
00:25:37: Simi Will: auch wenn sie vielleicht nicht so, sollte man viel mehr ausprobieren.
00:25:40: Simi Will: So, der Bohmeier, Michael Bohmeier, den hatte ich auch mal bei mir in der Sendung damals.
00:25:45: Simi Will: Und in dem Kontext habe ich Andrea Nahles gehört auf der Republika.
00:25:51: Simi Will: Und da muss ich sagen, war sie mir zwar sympathisch, also so vom Type war die
00:25:55: Simi Will: mir auch immer sympathisch, aber ich fand sie war, was das bedingungslose Grundeinkommen
00:26:01: Simi Will: anging, seinerzeit, nicht up to date.
00:26:05: Simi Will: Da hätte sie sich ein bisschen besser vorbereiten müssen.
00:26:07: Malu Dreyer: Das passt jetzt eigentlich gar nicht zu ihr. Ich habe gedacht,
00:26:09: Malu Dreyer: du warst skeptisch, weil sie garantiert eine andere Meinung vertreten hat.
00:26:12: Malu Dreyer: Das auch. Aber ich habe ihr unterstellt.
00:26:15: Simi Will: Lass es mich so sagen.
00:26:17: Malu Dreyer: Die ist eigentlich sehr kompetent. Und die hat wirklich Ahnung.
00:26:21: Malu Dreyer: Und die hat auch Humor. Und sie ist eine Menschenfreundin. Die wohnt ja nach
00:26:26: Malu Dreyer: wie vor in ihrem Eifeldorf.
00:26:29: Malu Dreyer: Und die Nachbarn und so. Ich glaube, die allermeisten reden wirklich gut.
00:26:33: Malu Dreyer: Weil sie ist sich nie zu schade, Dinge zu tun. ganz normale Dinge,
00:26:37: Malu Dreyer: obwohl sie viele Jobs hatte und auch herausfordernde und verantwortungsvolle
00:26:42: Malu Dreyer: Jobs. Also sie ist super, finde ich.
00:26:44: Simi Will: Also wenn du das sagst, ich habe persönlich mit ihr gesprochen.
00:26:47: Simi Will: Ich hatte nur diesen Vortrag und vielleicht war ich auch so ein bisschen enttäuscht,
00:26:51: Simi Will: weil ich das Gefühl hatte oder weil ich dachte, sie ist bestimmt auch meiner Meinung. Das kann sein.
00:26:56: Malu Dreyer: Das ist relativ wahrscheinlich. Naja, jedenfalls und hier im Kabinett.
00:27:00: Malu Dreyer: Doris Ann ist ja meine wirklich meine Freundin, mit der ich ewig zusammengearbeitet
00:27:05: Malu Dreyer: habe, die ist die Finanzministerin hier in Rheinland-Pfalz.
00:27:07: Malu Dreyer: Aber wenn du von Vorbildern sprichst, kann ich gar nicht sagen,
00:27:10: Malu Dreyer: dass ich in Deutschland irgendein Vorbild hatte.
00:27:13: Malu Dreyer: Sondern ich habe große Vorbilder in der Welt.
00:27:18: Malu Dreyer: Also zum Beispiel Nelson Mandela war für mich immer ein Riesenvorbild.
00:27:22: Malu Dreyer: Aber es ist gar nicht so, dass ich sagen könnte, ich habe politisch ein Vorbild,
00:27:26: Malu Dreyer: an dem ich mich orientiert habe.
00:27:27: Malu Dreyer: Wir gehörten oder ich gehörte immer noch zu der Generation, die in vielerlei
00:27:32: Malu Dreyer: Hinsicht die erste Frau auch war.
00:27:35: Malu Dreyer: Ja klar. Und die erste Bürgermeisterin in Bad Kreuznach, die erste Ministerpräsidentin.
00:27:41: Malu Dreyer: Damals gab es dann vier an der Zahl in Deutschland.
00:27:44: Malu Dreyer: Aber jetzt sind es auch nur noch zwei, glaube ich, Frauen.
00:27:48: Malu Dreyer: Also es war schon so, dass ich jetzt aufgrund meines Alters in vielen Positionen die erste war.
00:27:54: Malu Dreyer: Und es gab gar nicht so die Frauen, an denen man sich abarbeiten konnte.
00:27:57: Malu Dreyer: Nur historische Vorbilder. Wie Marie Juchatz, die erste Frau,
00:28:01: Malu Dreyer: die in einem deutschen Parlament gesprochen hat.
00:28:03: Simi Will: Sie hatte dann noch einen Reifrock an, oder was?
00:28:06: Malu Dreyer: So ungefähr, Sozialdemokratin.
00:28:08: Simi Will: Aber apropos Reifrock an, ich habe, wie heißt denn der jetzt?
00:28:17: Simi Will: Ich bin ja Bekennen der FDP-Hasserin. Ich sage es jetzt einfach mal so.
00:28:21: Simi Will: Ich bin übrigens parteineutral.
00:28:26: Simi Will: Interessanterweise aber denken immer alle, ich bin so eine SPD-Promoterin,
00:28:32: Simi Will: weil das waren immer Leute, die ich persönlich getroffen hatte irgendwo.
00:28:37: Simi Will: Und durch Zufall war das SPD, auch in meiner Show.
00:28:41: Simi Will: Kevin Kühnert war bei mir, Franziska war bei mir natürlich als Bürgermeisterin.
00:28:46: Malu Dreyer: Ja, erste Bürgermeisterin in Berlin.
00:28:49: Simi Will: Also von Neukölln.
00:28:51: Malu Dreyer: Damals in Neukölln die Bürgermeisterin.
00:28:53: Simi Will: Ja klar. Die Erstbegegnung war, da war sie noch ums Eck sitzend im Büro und
00:28:57: Simi Will: ich fand sie einfach super, weil sie so eine Trutsche war, aber so cool war
00:29:02: Simi Will: und trotzdem 15 Jahre jünger als ich.
00:29:05: Malu Dreyer: Mit der Frisur, das denkt man gar nicht. Meine Trutsche.
00:29:08: Simi Will: Und mein Papa hat gesagt, die sieht gut aus. Das ist eine tolle Frau und so.
00:29:12: Simi Will: Und ich weiß noch, als sie das erste Mal im Bundestag gesprochen hat,
00:29:19: Simi Will: habe ich das im Fernsehen gesehen.
00:29:20: Simi Will: Da sage ich mir, Franziska, was hast du denn wieder für eine Jacke an?
00:29:24: Simi Will: Da hatte sie irgendwie so ein Teil mit so dicken Blumen, wo ich denke, boah, geht gar nicht.
00:29:29: Malu Dreyer: Ja, die ist ihr Typ, ein ganz eigener Typ.
00:29:30: Simi Will: Ja, das ist eine Trutsche. Und die ist irgendwie so ganz konservativ,
00:29:35: Simi Will: aber auf so eine Art und Weise, die mir keine Angst macht, weil ich bin eben gar nicht konservativ.
00:29:40: Simi Will: Und wenn mir dann jemand entgegentritt, der konservativ ist,
00:29:44: Simi Will: aber mich wahrnimmt, ist sofort alles aufgelöst.
00:29:47: Simi Will: Und das ist so eine Bubble-Beispiel-Auflösung, weil im normalen Leben wären
00:29:52: Simi Will: Franziska und ich uns so nie begegnet. Never ever.
00:29:56: Simi Will: Und ich habe auch mal zu ihr gesagt, so ganz am Anfang, als wir noch beim Sie
00:30:00: Simi Will: waren, sagen Sie mal, Frau Giffey, ich habe ja immer gedacht, Sie sind CDU.
00:30:05: Simi Will: Da hat sie gesagt, Frau Will, wissen Sie, CDU, SPD, das ist ja im regionalen
00:30:17: Simi Will: Kontext hier alles nicht so weit voneinander weg.
00:30:21: Simi Will: Das fand ich nicht schlimm.
00:30:22: Malu Dreyer: Ja, aber das muss man sagen, in der kommunalen Politik gibt es auch Unterschiede,
00:30:30: Malu Dreyer: ist natürlich nicht so, aber es spielt nicht so die ganz große Rolle,
00:30:34: Malu Dreyer: wie es beispielsweise auf lands- oder bundespolitischer Ebene ist.
00:30:37: Malu Dreyer: Klar, man hat unterschiedliche Schwerpunkte. Das ist auch im kommunalen Bereich so.
00:30:42: Malu Dreyer: Ich will jetzt ja keinen Werbeblock machen.
00:30:46: Malu Dreyer: Aber es gibt eben zum Beispiel bestimmte soziale Themen wie sozialer Wohnungsbau.
00:30:50: Malu Dreyer: Das haben bestimmte Parteien wirklich im Programm und betreiben das auch ganz
00:30:54: Malu Dreyer: ernsthaft und andere nicht. Natürlich gibt es diese Unterschiede.
00:30:57: Malu Dreyer: Oder auch erneuerbare Energien, alles, was damit zu tun hat.
00:31:01: Malu Dreyer: Da gibt es schon Unterschiede.
00:31:03: Malu Dreyer: Und trotzdem ist es so, dass auf der kommunalen Ebene steht und fällt eben sehr
00:31:07: Malu Dreyer: viel, dass man kooperationsfähig ist mit den Partnern. Sonst kriegt man gar nichts auf die Reihe.
00:31:12: Simi Will: Und in Neukölln weiß ich tatsächlich, dass da im Amt, das war glaube ich eines
00:31:17: Simi Will: der schwierigsten Ämter überhaupt, also 380.000 Einwohner, davon 75,
00:31:24: Simi Will: Prozent Migrationshintergrund.
00:31:26: Malu Dreyer: Das ist krass, ne? Also das muss man wirklich sagen.
00:31:30: Malu Dreyer: Die größte Stadt in Rheinland Pfalz hat 240.000 Einwohner inzwischen,
00:31:34: Malu Dreyer: glaube ich, das ist Stadt Mainz.
00:31:35: Malu Dreyer: Und Neukölln als Stadtteil, ich sage immer, die größte Großstadt in Rheinland-Pfalz
00:31:41: Malu Dreyer: ist kleiner als Neukölln in Berlin.
00:31:45: Simi Will: Ja, auf jeden Fall. Das ist so.
00:31:46: Malu Dreyer: Ja, 43.000 Euro. Das ist echt ein Nummer. Und das ist schon echt irre.
00:31:52: Simi Will: Und jedenfalls habe ich irgendwann mal beschlossen, dass die FDP für mich am
00:31:56: Simi Will: wenigsten geht von den herkömmlichen Parteien in den letzten Jahren.
00:32:01: Simi Will: Das ging, glaube ich, bei Westerwelle ging das los.
00:32:05: Simi Will: Ähm, und...
00:32:07: Simi Will: Ja, und das endete jetzt bei hier Mr. Schamhaar auf dem Kopf, Dings hier.
00:32:14: Simi Will: Und ich habe dann aber bei Markus Lanz, den ich ja immer noch zum Einschlafen
00:32:19: Simi Will: gucke tatsächlich, Gerhard Baum sprechen hören.
00:32:23: Malu Dreyer: Das ist eine andere FDP gewesen. So. Aber wirklich.
00:32:27: Simi Will: Und Gerhard Baum ist ein Humanist gewesen vom Feinsten. Und ich mochte den so gerne.
00:32:34: Simi Will: Und der hat mir wirklich immer so den, ja, der war irgendwie 90 und hat so gute
00:32:39: Simi Will: Sachen gesagt, die der Zeit heute reingepasst haben.
00:32:44: Simi Will: Also Gerhard Baum, besinnt euch, habe ich mir geholt. Kleines Büchlein,
00:32:48: Simi Will: kleiner Literaturtipp am Rande.
00:32:50: Malu Dreyer: Das ist ein ganz toller Politiker und Mensch gewesen. Also wirklich, wirklich.
00:32:55: Malu Dreyer: Und der hat gar nichts mit der Ideologie der FDP der heutigen Zeit zu tun.
00:32:59: Malu Dreyer: Es ist halt die alte FDP noch gewesen.
00:33:02: Malu Dreyer: Da gab es wirklich viele großartig denkende Menschen.
00:33:05: Simi Will: Ja, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen.
00:33:07: Malu Dreyer: Ja, ich erinnere mich noch an meine ganz frühen Zeiten. Ich war ja auch bei
00:33:11: Malu Dreyer: Amnesty International aktiv.
00:33:12: Malu Dreyer: Da habe ich ganz viel gemacht in Sachen Asyl und so.
00:33:16: Malu Dreyer: Und da war die damalige FDP, weiß gar nicht, war Baum.
00:33:20: Malu Dreyer: Die war damals auch wirklich progressiver aufgestellt, was das Thema Menschen
00:33:29: Malu Dreyer: mit Migrationshintergrund und Zuflucht und ähnliches betrifft.
00:33:32: Malu Dreyer: Also ich erinnere mich noch auch an diese alte humanistisch denkende FDP sehr gut.
00:33:38: Simi Will: Ja, dass Humanismus und FDP in einem Satz zu nennen war, das kann man sich heute
00:33:42: Simi Will: gar nicht mehr vorstellen.
00:33:43: Simi Will: Ich kenne eine lustige Geschichte und zwar habe ich Hajo Schumacher kennengelernt
00:33:49: Simi Will: und irgendwann habe ich herausgefunden,
00:33:52: Simi Will: dass Hajo Schumacher seine Doktorarbeit irgendwie über Angela Merkel geschrieben
00:33:56: Simi Will: hat und eine Biografie über Malu Dreyer.
00:34:01: Simi Will: Und zwar hieß es damals, 2015 war das wohl, hieß das Buch, die Zukunft ist meine Freundin.
00:34:10: Malu Dreyer: Ja, wir haben das gemeinsam geschrieben, der Hajo und ich, die Zukunft ist meine Freundin.
00:34:15: Simi Will: Was für ein schöner Titel.
00:34:17: Malu Dreyer: Ja, ja, Hajo war eigentlich gegen den Titel.
00:34:19: Simi Will: Warum?
00:34:20: Malu Dreyer: Weil er sagt, es verkauft sich nicht so einen Titel.
00:34:24: Simi Will: Hat es sich nicht verkauft?
00:34:26: Malu Dreyer: Wieso Bücher für einen Politiker an sich halt verkaufen? Also kannst du ja selber die Frage stellen.
00:34:32: Malu Dreyer: Also ich finde es eigentlich nicht so ein ganz uninteressantes Buch,
00:34:35: Malu Dreyer: weil es war, also warum schreiben Politiker und Politikerinnen überhaupt Bücher?
00:34:41: Malu Dreyer: Und das hat ganz viel damit zu tun, dass sie einerseits erzählen wollen,
00:34:45: Malu Dreyer: was ihnen wichtig ist und das andere ist aber auch, über die wird ja wahnsinnig viel geschrieben.
00:34:50: Malu Dreyer: Und das ist ja manchmal so ein Schatz von Erkenntnissen, auch für Journalisten
00:34:54: Malu Dreyer: oder für Menschen, die recherchieren über einen.
00:34:56: Malu Dreyer: Und da gibt es natürlich Sachen drin über meine Kindheit und wie ich aufgewachsen
00:35:01: Malu Dreyer: bin und natürlich über meine Behinderung.
00:35:03: Malu Dreyer: Und wie ist es, wenn man eine Diagnose hat, zum Beispiel Multiple Sklerose.
00:35:07: Malu Dreyer: Wie ist es mit wichtigen Zukunftsthemen? Wie steht man dazu von seiner Grundhaltung her?
00:35:12: Malu Dreyer: Und das hat auch einen riesen Spaß gemacht. Mein Hajo ist natürlich ein genialer Schreiber.
00:35:18: Malu Dreyer: Der ist einfach toll. Und der hat dann auch immer so tolle Sachen irgendwie
00:35:23: Malu Dreyer: fabriziert, wie beispielsweise.
00:35:25: Malu Dreyer: Ich beschreibe dann da irgendwo in dem Buch, dass das so traurig für mich war
00:35:31: Malu Dreyer: und auch heute noch ist, dass ich nicht mehr auf Berge steigen kann und so Sachen.
00:35:37: Malu Dreyer: Und dann schreibt er dann irgendwie so Sätze wie, ja und, Sigmar Gabriel kann
00:35:43: Malu Dreyer: mit Sicherheit auch kein Fünftausender erzwingen oder sowas.
00:35:46: Malu Dreyer: Da hatte der noch eine andere Figur und so.
00:35:48: Malu Dreyer: Und ja, also er hat einfach eine tolle Schreibe Und das war klasse,
00:35:54: Malu Dreyer: dass er dann das Buch geschrieben hat.
00:35:55: Malu Dreyer: Aber wir haben viele, viele Stunden zusammengesessen, bis überhaupt mal der
00:35:59: Malu Dreyer: Inhalt zustande kam, über den er dann geschrieben hat.
00:36:03: Simi Will: Ja, witzig.
00:36:04: Malu Dreyer: Ja, der Hajo. Das war ein tolles Erlebnis, ja.
00:36:09: Simi Will: Was willst du dir noch an Träumen verwirklichen? Was steht jetzt vorne dran?
00:36:15: Simi Will: In deiner Rente.
00:36:17: Malu Dreyer: Ja, ich habe diesen Zettel nicht, Simmi.
00:36:20: Malu Dreyer: Weil meine Lebensphilosophie war immer, obwohl ich so viel, viel,
00:36:24: Malu Dreyer: viel, viel, viel gearbeitet habe,
00:36:26: Malu Dreyer: dass ich trotzdem die Dinge tue, die mir total wichtig sind und die nicht aufschiebe,
00:36:30: Malu Dreyer: weil ich einfach keinen Bock hatte, darauf zu warten, dass ich irgendwann mit
00:36:33: Malu Dreyer: einem Herzinfarkt umfalle. Und das war es.
00:36:36: Malu Dreyer: Und das heißt, ich habe mit meinem Mann auch zusammen, wir haben viele tolle
00:36:39: Malu Dreyer: Reisen gemacht, auch ganz oft natürlich auch dienstliche Reisen,
00:36:42: Malu Dreyer: ist ja klar. Aber wir haben uns auch immer versucht, die Dinge zu bewahren, die wichtig sind.
00:36:47: Malu Dreyer: Dafür war wenig Zeit, aber was uns wichtig war, haben wir auch gemacht.
00:36:51: Malu Dreyer: Und das waren halt auch immer dann die schönen Momente jenseits des Jobs und
00:36:56: Malu Dreyer: ganz oft eben auch im Job.
00:36:58: Malu Dreyer: Und wir haben eigentlich nur eine einzige Reise, die wir noch machen wollen und auch werden.
00:37:02: Malu Dreyer: Das ist nach Australien, weil dort die Schwester meines Mannes lebt und ich
00:37:07: Malu Dreyer: das einfach nicht machen konnte, während ich gearbeitet habe,
00:37:10: Malu Dreyer: weil das nicht möglich war, irgendwo hinzureisen, wo ich 24 Stunden brauche, um zurückzukommen.
00:37:14: Malu Dreyer: Und das machen wir demnächst dann irgendwann mal.
00:37:17: Simi Will: War witzig. Ich habe gestern mir den ganzen Tag über so Reisedinger an. Habe ich manchmal nie.
00:37:23: Simi Will: Und gestern irgendwie hier so Mediathek irgendwie. Und da waren nämlich auch
00:37:27: Simi Will: zwei Folgen über Australien. Da habe ich auch gedacht, geil.
00:37:30: Malu Dreyer: Ja, das würde ich schon gerne mal machen. Also mein Mann hat schon total viel
00:37:33: Malu Dreyer: davon erzählt. Und ich war da auch noch nie.
00:37:36: Malu Dreyer: Und dann würden wir nach Neuseeland und Australien. Aber das muss man jetzt erst mal gucken.
00:37:41: Malu Dreyer: Ich formuliere es immer so. Man hat dann manchmal Pläne und das Leben schreibt seine eigenen Pläne.
00:37:46: Malu Dreyer: Und deshalb braucht man auch die Flexibilität. Und ich kann für mich nur sagen,
00:37:50: Malu Dreyer: ich bin unheimlich dankbar für diese ganzen Jahre, die ich erleben durfte mit Höhen und Tiefen.
00:37:55: Malu Dreyer: Und ich bin in den Ruhestand gegangen, Gott sei Dank, ohne Zettel,
00:37:59: Malu Dreyer: wo draufsteht. Und das und das und das und das, das muss ich jetzt unbedingt noch machen.
00:38:03: Simi Will: Ja, geil. Alles richtig gemacht. Alles richtig gemacht.
00:38:07: Simi Will: Das ist irgendwie das, was ich mit meinen Eltern oft erlebe,
00:38:10: Simi Will: die Generationen, die ja...
00:38:12: Simi Will: Ja, aus dem Krieg noch kam. Meine Eltern sind jetzt 88 und 87.
00:38:17: Simi Will: Und ich habe immer so das Gefühl, dass die so ganz viel noch festhalten.
00:38:20: Simi Will: Die Mama geht hin und hebt Jacken, die ich neu für Papa kaufe.
00:38:26: Simi Will: Bomberjacken sollen immer gut angezogen sein. Finde ich im hohen Alter besonders wichtig.
00:38:31: Simi Will: Und sagt sie immer, ja, aber die ist für Sonntag. Und dann sagt Papa immer,
00:38:36: Simi Will: wie viele Sonntage, glaubst du, haben wir noch?
00:38:40: Simi Will: Aber das ist so drin, Das ist so drin, dass die heute das immer noch so aufsparen für irgendwann mal.
00:38:48: Malu Dreyer: Ja, aber das ist super. Aber ich meine, früher war das halt auch so.
00:38:51: Malu Dreyer: Da hatten wir für sonntags besondere Klamotten.
00:38:53: Malu Dreyer: Also ich erinnere mich sogar noch dran, dass wir sogar besonderes Geschirr hatten, wenn Besuch kamen.
00:38:58: Malu Dreyer: Oder für Sonntag oder sowas.
00:39:01: Malu Dreyer: Und das können wir ja heute eigentlich auch gar nicht mehr so denken.
00:39:04: Malu Dreyer: Also na klar, es gibt Anlässe, wo wir uns besonders schick machen.
00:39:07: Malu Dreyer: Das ist ja gar keine Frage. Aber etwas aufheben für einen ganz bestimmten Tag,
00:39:11: Malu Dreyer: das ist ja nicht mehr die Mentalität von heute.
00:39:14: Malu Dreyer: Aber du hast recht, man hat solche Dinge in sich.
00:39:18: Simi Will: Und ich meine, es ist ja toll,
00:39:19: Malu Dreyer: Dass deine Eltern schon so hochbetagt
00:39:22: Malu Dreyer: sind und sich immer noch über solche Sachen dann scherzen können.
00:39:26: Malu Dreyer: Weil das ist ja schon sehr humorvoll von deinem Vater zu sagen.
00:39:30: Simi Will: Der Papa vergisst vieles, aber hat noch Humor.
00:39:35: Simi Will: Und ja, ich finde das mit dem Alter ist auch immer so ein Thema.
00:39:39: Malu Dreyer: Da gibt es ja so einen Punkt, der regt mich ja jedes Mal auf, wenn ich den sehe.
00:39:43: Malu Dreyer: Nämlich, wenn ältere Damen zum Beispiel vom Friseur kommen oder was weiß ich
00:39:47: Malu Dreyer: woher und dann so Barthaare haben.
00:39:51: Malu Dreyer: Und niemand darauf achtet, dass bei den älteren Damen regelmäßig jemand darauf guckt.
00:39:58: Simi Will: Dass die weggemacht werden. Ich brauche auch jemanden, der mir das sagt.
00:40:02: Simi Will: Gestern hat mir das letztens gesagt, Simi, du musst das da wegmachen.
00:40:06: Simi Will: Und ich so, ah ja, stimmt.
00:40:08: Malu Dreyer: Es gibt manchmal so Unsichtbare, die nur bei bestimmten Licht sind.
00:40:12: Malu Dreyer: Das ist okay, das kann an mir auch passieren.
00:40:15: Malu Dreyer: Aber ich finde, wenn jemand gepflegt aussieht und kommt gerade von,
00:40:19: Malu Dreyer: weiß ich nicht, vom Friseur oder sonst irgendwo her.
00:40:22: Malu Dreyer: Und hat dann da noch so einen kleinen Damenbart. Da finde ich immer.
00:40:26: Simi Will: Das würde man noch nicht machen. Das ist dann so, als ob es egal ist,
00:40:28: Simi Will: wenn man alt ist. Und das ist nicht egal.
00:40:30: Malu Dreyer: Ja, das ist kein bisschen egal. Nee. Ich finde das auch total wichtig.
00:40:35: Malu Dreyer: Dass man auch im Alter darauf achtet.
00:40:39: Simi Will: Aber ich war letztens zum ersten Mal zum Beispiel in meinem ganzen Leben bei einer Kosmetikerin.
00:40:46: Malu Dreyer: Das mache ich jetzt allerdings regelmäßig, seit ich im Ruhestand bin.
00:40:49: Simi Will: Ja, das ist geil. Das ist so toll. So ein warmes Handtuch auf dem Gesicht.
00:40:53: Simi Will: Und es ist alles ganz leise.
00:40:54: Malu Dreyer: Das ist aber wirklich schön.
00:40:56: Simi Will: Das finde ich mega. Das mache ich jetzt auch öfter.
00:40:58: Malu Dreyer: Und man sieht danach auch echt gut aus.
00:41:00: Simi Will: Ja, ja. Ich gehe dann auch mal drei Tage ohne Make-up. Weißt du? Und sonst nie.
00:41:04: Malu Dreyer: Nie.
00:41:06: Simi Will: Und ich finde ja witzig, dass wir beide dieselben Turnschuhe tragen. Du hast auch Samba.
00:41:13: Simi Will: Machen wir mal Werbung. Samba, weil gutes Produkt.
00:41:17: Malu Dreyer: Ja, Schleichwerbung. Aber es sind sowas von bequem und sehen so toll aus.
00:41:23: Malu Dreyer: Und ich habe sie echt in schwarz und weiß.
00:41:26: Malu Dreyer: Und ich habe sie auch in hellblau und weiß. Und da bin ich wirklich,
00:41:30: Malu Dreyer: habe ich alle möglichen Läden hier abgeklappert, bis ich die gefunden habe.
00:41:33: Simi Will: Und die Hellblauen sind dann für Sonntag.
00:41:35: Malu Dreyer: Genau.
00:41:38: Simi Will: Schuhgröße 39?
00:41:39: Malu Dreyer: Ja, ist ja so eine Allerweltsgröße. Haben ja fast alle, haben ja gewahrt, sind viele Frauen.
00:41:44: Simi Will: Okay, dann sind die guten Sachen immer schnell weg.
00:41:46: Malu Dreyer: Genau.
00:41:46: Simi Will: Ja, hatte ich Glück. Ich hatte immer 37, aber jetzt sind meine Füße im Alter
00:41:50: Simi Will: eine Schuhgröße größer geworden.
00:41:52: Malu Dreyer: Es war.
00:41:53: Simi Will: Ja, bei meiner Mama auch.
00:41:55: Malu Dreyer: Und der Mensch schrumpft und die Füße werden größer.
00:41:57: Simi Will: Leider. Ist ja auch mit diesen Knörpel-Geschichten so, die dann wachsen und
00:42:02: Simi Will: sowas. Aber ich sage auch immer meiner Mama, man muss irgendwann auch das Thema
00:42:06: Simi Will: Alter wegtun, weil es nützt ja eh nichts.
00:42:09: Malu Dreyer: Nein.
00:42:10: Simi Will: Es reicht, finde ich, wenn man sich, also finde ich, manchmal die Kosmetik gönnt.
00:42:16: Malu Dreyer: Das finde ich auch. Und außerdem muss man sich immer klar machen,
00:42:19: Malu Dreyer: die Alternative zum Altern ist wirklich keine Schöne.
00:42:22: Malu Dreyer: Und deshalb sollte man froh darüber sein, wenn man älter werden darf.
00:42:25: Malu Dreyer: Und Alter heute ist wirklich was vollkommen anderes.
00:42:28: Malu Dreyer: Also früher war man wirklich mit 60, 65 richtig alt und heute ist es einfach anders.
00:42:33: Simi Will: Ja, Gott sei Dank. Es gibt eben...
00:42:36: Simi Will: Vieles, was eben heute besser ist als früher.
00:42:39: Malu Dreyer: Tatsächlich ist das so. Gibt es. Und auch der medizinische Fortschritt ist natürlich
00:42:43: Malu Dreyer: auch riesig. Und wir können auch so viel tun.
00:42:46: Malu Dreyer: Selbst ich bin ja in meiner Mobilität sehr eingeschränkt. So geht es ja vielen älteren Menschen.
00:42:51: Malu Dreyer: Ich bin das schon seit Ewigkeiten aufgrund der Erkrankung.
00:42:55: Malu Dreyer: Und trotzdem ist das so viel möglich. Einfach weil es Hilfsmittel gibt,
00:42:59: Malu Dreyer: weil es Busse gibt, die fahren.
00:43:01: Malu Dreyer: Also wir haben alle möglichen Möglichkeiten, uns trotzdem in der Welt rumzubewegen.
00:43:06: Simi Will: Aber das ist aber auch eine Einstellungssache, dass man das sieht, was gut ist.
00:43:14: Simi Will: Gerade wenn es einem schlechter geht oder wenn was ist, was nicht gut läuft,
00:43:20: Simi Will: die Energiequelle ist ja dann das zu sehen, was geht.
00:43:23: Malu Dreyer: Unbedingt, ja.
00:43:24: Simi Will: Und das versuche ich auch immer meiner Mutter. Also ich verstehe,
00:43:28: Simi Will: das Alter ist ganz viel Scheiße und das geht nicht mehr und das geht nicht mehr.
00:43:33: Simi Will: Aber ich sage dann immer, also mich macht das ganz demütig, seit ich jetzt wieder
00:43:38: Simi Will: hier bin und so viel mit Alter zu tun habe einfach, was alles noch geht.
00:43:44: Malu Dreyer: So rum. Ja, das ist natürlich schwer. Das kommt, glaube ich,
00:43:46: Malu Dreyer: auch immer ein bisschen auf die Tagesform an, weil man hat dann manchmal,
00:43:49: Malu Dreyer: wenn es dann so heiß ist, dann funktioniert ja noch weniger bei den allermeisten
00:43:53: Malu Dreyer: Menschen und dann ist alles so,
00:43:56: Malu Dreyer: mühselig und es fällt einem schwer und dann muss man sich, glaube ich,
00:44:01: Malu Dreyer: richtig darauf konzentrieren zu gucken, also was ist denn jetzt eigentlich heute
00:44:04: Malu Dreyer: gerade mal besonders gut an dem Tag und das Schöne und das Gute zu sehen, das ist,
00:44:09: Malu Dreyer: macht das Leben echt sehr viel leichter.
00:44:12: Simi Will: Ist ja auch allgemeingültig, so ein bisschen gesamtgesellschaftlich so.
00:44:18: Simi Will: Ich sage immer, es wird so viel gemeckert.
00:44:20: Simi Will: Es wird so viel gemeckert. Keiner hat mehr Vertrauen zur Politik.
00:44:25: Simi Will: Und früher war alles besser, dieser ganze Sermon.
00:44:30: Simi Will: Aber wo ist die Stimme, die sagt, boah, das ist jetzt gut.
00:44:35: Simi Will: Aber dann könnten wir ja vom Guten ausgehen, das so weiterführen,
00:44:39: Simi Will: weil das und das ist ja schon mal gut.
00:44:42: Malu Dreyer: Ja, also ich glaube, dass man tatsächlich, die politische Ebene kommt da gar nicht mehr dagegen an.
00:44:48: Malu Dreyer: Das ist so ein Mainstream gerade in unserer Gesellschaft, der auch medial immer wieder gepusht ist.
00:44:53: Malu Dreyer: Das ist ja so auch in unserem Kopf, dass wir tatsächlich, das stimmt wirklich,
00:44:58: Malu Dreyer: das hat ja auch die Gehirnforschung festgestellt, dass wir auf diesen Negativity
00:45:03: Malu Dreyer: Bice, heißt das Neudeutsch, also auf die negativen Nachrichten,
00:45:08: Malu Dreyer: spontan schneller und mehr reagieren als auf Positives.
00:45:11: Malu Dreyer: Das hat dann mit unserem Drang früher zu tun gehabt, dass wenn Gefahr kommt,
00:45:16: Malu Dreyer: dass wir schnell davon laufen, damit wir uns retten können und so.
00:45:20: Malu Dreyer: Und das ist immer noch in uns drin. Und deshalb ist es umso wichtiger,
00:45:22: Malu Dreyer: dass man wirklich sich darauf konzentriert, über das Gelingen zu reden und das Gelingen zu sehen.
00:45:28: Malu Dreyer: Und das ist, wenn man das tut, merkt man auch, wie viel uns Menschen auch in
00:45:33: Malu Dreyer: der Gemeinschaft gelingt. Das sind manchmal Kleinigkeiten.
00:45:36: Malu Dreyer: Aber die sind so wichtig, weil sie einem selber ja auch aufbauen und sagen,
00:45:40: Malu Dreyer: wow, das habe ich jetzt geschafft oder das haben wir geschafft.
00:45:43: Malu Dreyer: Und es ist so eigentlich großartig, dass wir in der Gemeinschaft so viel bewegen
00:45:45: Malu Dreyer: können. Und das gilt für das Kleine wie für das Große. Das Gelingen wieder zu sehen.
00:45:50: Malu Dreyer: Das ist echt eine Aufgabe für diese Gesellschaft, damit man so ein Stück rauskommt
00:45:54: Malu Dreyer: aus dieser, ja, aus dieser auch etwas lähmenden Stimmung manchmal in unserer Gesellschaft.
00:46:00: Simi Will: Aus der Negativschleife.
00:46:02: Malu Dreyer: Ja. Ja, so. Ja.
00:46:05: Simi Will: Ich habe ja auch immer irgendwelche Bücher, wo ich immer denke,
00:46:10: Simi Will: die will ich, dass die anderen die lesen.
00:46:13: Simi Will: Kennst du das? Ist schon, ist nicht ganz so neu. Die Elenden.
00:46:17: Malu Dreyer: Nein.
00:46:18: Simi Will: Das ist von einer jungen Frau geschrieben worden, Anna Mayer.
00:46:22: Simi Will: Sie kommt aus einer Hartz-IV-Familie, konnte aber studieren und hat einfach
00:46:29: Simi Will: dieses Bashing von Arbeitslosigkeit, sozialer Schwäche in der Gesellschaft als Kind miterlebt.
00:46:37: Simi Will: Und das ist so mega gut geschrieben, dass ich das jedem empfehlen würde.
00:46:42: Simi Will: Mir geht es nur darum, dass ich oftmals das Gefühl hatte, dass die Leute den
00:46:48: Simi Will: Faden verloren haben, dass es einfach Leute gibt, die ganz, ganz wenig Geld haben.
00:46:53: Simi Will: Und wie das sich wohl anfühlen könnte, dieses sich reinversetzen in jemand,
00:46:59: Simi Will: der eben auf Sozial- oder auf Transferleistung angewiesen ist,
00:47:02: Simi Will: aus welchem Grund auch immer erstmal.
00:47:04: Malu Dreyer: Ja, das ist mit Sicherheit ein sehr guter Tipp. Dieses Buch,
00:47:08: Malu Dreyer: das lese ich dann vielleicht auch mal bestimmt demnächst.
00:47:11: Malu Dreyer: Aber eins ist klar, ich glaube, man muss sich immer wieder auch darüber im Klaren
00:47:17: Malu Dreyer: sein, wie privilegiert man eigentlich ist, wenn man nicht zum Teil der ärmeren Bevölkerung gehört.
00:47:24: Malu Dreyer: Uns geht so vieles so leicht von
00:47:25: Malu Dreyer: der Hand, einfach weil wir auch das Geld dafür haben, die Dinge zu tun.
00:47:30: Malu Dreyer: Und Menschen, die eben eher in Armut leben und wenig Geld haben,
00:47:35: Malu Dreyer: die müssen tatsächlich unentwegt nach der Decke strecken.
00:47:37: Malu Dreyer: Und wenn man mit etwas offenen Ohren und Augen durch die Welt geht,
00:47:41: Malu Dreyer: dann erlebt man das auch, wenn man einkauft und wenn dann eine Mutter dem Kind
00:47:46: Malu Dreyer: erklärt, nee, das können wir heute nicht kaufen, das ist viel zu teuer oder
00:47:49: Malu Dreyer: das oder das geht und das geht nicht.
00:47:51: Malu Dreyer: Und das ist ja eigentlich das Leben der allermeisten Menschen.
00:47:55: Malu Dreyer: Das muss man sich einfach auch klar machen.
00:47:58: Malu Dreyer: Denn selbst Menschen, die den ganzen Nacharbeiten gehen, haben häufig dann eben
00:48:02: Malu Dreyer: auch Einkommen, die nicht so sind, dass einfach man in den Laden geht und kauft,
00:48:07: Malu Dreyer: was da ist oder worauf man Lust hat.
00:48:09: Malu Dreyer: Und ich finde das sehr heilsam, sich ab und zu damit auseinanderzusetzen und
00:48:14: Malu Dreyer: auch zu wissen, dass man selber in einer privilegierteren Situation ist und
00:48:20: Malu Dreyer: das mit Demut auch immer wieder und Dankbarkeit sehen sollte.
00:48:23: Simi Will: Ja und dafür finde ich dieses Buch eben irgendwie ganz, also weil es einfach
00:48:29: Simi Will: auch spannend ist, man ist mit der Journalistin unterwegs und der Fame und so weiter,
00:48:33: Simi Will: aber sie kommt von dort und wie sie das beschreibt, ist einfach so nicht rührselig
00:48:39: Simi Will: oder ach die armen Leute,
00:48:41: Simi Will: sondern macht euch mal bitte klar,
00:48:44: Simi Will: was ihr für einen Blick auf die Gesellschaft habt.
00:48:47: Simi Will: Und der Untertitel sagt auch ganz gut, finde ich, wie sie es beschreibt,
00:48:52: Simi Will: warum unsere Gesellschaft Arbeitslose verachtet.
00:48:56: Simi Will: Und sie dennoch braucht. Ja, also das ist auch, um sich von Armut zu distanzieren.
00:49:04: Simi Will: Und sie macht das wirklich ganz toll. Es ist wirklich, wirklich spannend zu lesen.
00:49:09: Simi Will: Genau. So, dann habe ich das noch mitgebracht, Klaus Kleber.
00:49:15: Simi Will: Einfach nur, weil ich anbringen wollte, dass ich Klaus Kleber tatsächlich auch
00:49:20: Simi Will: mal zu meiner Show damals eingeladen habe.
00:49:21: Malu Dreyer: Ja, super.
00:49:22: Simi Will: Über Facebook. Ich habe das ja auch immer ganz unprofessionell gemacht.
00:49:26: Simi Will: Und dann habe ich tatsächlich Antwort bekommen aus Mainz, Herr Kleber interessiert
00:49:30: Simi Will: das sehr und wir würden gerne mit einem vierköpfigen Journalistenteam bei Ihnen da vorbeikommen.
00:49:36: Simi Will: Und da habe ich dann gesagt, nee, nee, lass mal, lass mal.
00:49:40: Malu Dreyer: Das ist aber schadest, das wäre bestimmt spannend gewesen.
00:49:44: Simi Will: Ja, natürlich. Und ich mag Klaus Kleber nach wie vor. Klaus Kleber ist so wie WM oder EM.
00:49:50: Simi Will: Das sind einfach Sachen, so feste Größen waren es immer.
00:49:53: Malu Dreyer: Ja, der war super beliebt.
00:49:55: Simi Will: Ja, und ich mochte den auch. Und der hatte immer so ein schiefes Gesicht.
00:49:59: Simi Will: Und der war, ich weiß nicht, also Klaus Kleber mag ich total gerne.
00:50:03: Simi Will: Fast so gerne wie Hajo Schumacher.
00:50:07: Simi Will: Und was habe ich noch? Ah ja, Martin Sonneborn. Hast du Martin mal getroffen?
00:50:12: Malu Dreyer: Nein.
00:50:13: Simi Will: Magst du den?
00:50:14: Malu Dreyer: Ja.
00:50:15: Simi Will: Ja? Also ich mag den auch sehr.
00:50:17: Malu Dreyer: Aber wieso sollte ich den getroffen haben?
00:50:18: Simi Will: Ach nee, der ist ja im Europaparlament. Das ist ja was ganz anderes. Ja.
00:50:22: Simi Will: Nee, aber Martin. hat auch den Jean Asselborn mal kennengelernt. Die kannten sich auch.
00:50:26: Malu Dreyer: Ja gut, das ist ja klar. Der Jean ist ja in Europa unterwegs gewesen wie verrückt.
00:50:30: Malu Dreyer: Also das war ja wirklich ein so extrem umtriebiger Außenminister.
00:50:34: Malu Dreyer: Da kann man nur Chapeau sagen.
00:50:36: Simi Will: Der war auch fast, der war noch nie länger im Amt als du.
00:50:40: Malu Dreyer: Der war ewig im Amt. Also gut, ich könnte noch meine kommunale Zeit dazu zählen.
00:50:44: Malu Dreyer: Ich weiß nicht, wie lange Jean Asselborn im Amt war. Auf jeden Fall sehr lang.
00:50:48: Simi Will: 22 Jahre oder so.
00:50:49: Malu Dreyer: Ah ja, 22 Jahre war ich auch in der Landesregierung. Siehst du? Zusammen.
00:50:53: Malu Dreyer: Genau. Ich frage ihn mal, ich treffe ihn demnächst. Er hat ja ein Buch geschrieben.
00:50:58: Simi Will: Ja, das kommt im September raus. Also nicht dieses Merde Alleur.
00:51:02: Simi Will: Es gibt jetzt noch dieses mit dem Fahrrad, wo er im Fahrrad unterwegs ist und
00:51:06: Simi Will: die Welt erklärt oder so.
00:51:07: Malu Dreyer: Genau.
00:51:08: Simi Will: Dann kommt er auch mal zu mir.
00:51:09: Malu Dreyer: Ja, das ist doch schön. Das ist doch schön. Das ist ein guter Freund.
00:51:13: Malu Dreyer: Und wenn wir Dinge zu bereden hatten mit Luxemburg und so, war er wirklich immer, immer ansprechbar.
00:51:19: Malu Dreyer: Und er war natürlich auch echt immer ein großer Kämpfer für eine vernünftige
00:51:24: Malu Dreyer: Asylpolitik in Europa, als gemeinsames Europa.
00:51:28: Simi Will: Ja, und das ist ja jetzt noch. Er ist ja jetzt auch wirklich unterwegs, Europa zu retten.
00:51:34: Malu Dreyer: Ja, das ist alles jetzt ein bisschen schwierig mit den Grenzschließungen und ähnliches.
00:51:41: Malu Dreyer: Man wird sehen, wie das weitergeht. Aber die Wahrheit liegt trotzdem an der
00:51:45: Malu Dreyer: Stelle genau dort, dass man das Thema Asyl und eine vernünftige Steuerung auch
00:51:52: Malu Dreyer: echt nur europäisch hinbekommt.
00:51:54: Malu Dreyer: Es geht nicht anders. Europa muss da zusammenhalten und muss überlegen,
00:51:58: Malu Dreyer: wie sie es gemeinsam hinkriegen. Und die haben ja sogar Dinge beschlossen.
00:52:01: Malu Dreyer: Die müssen sie jetzt nur immer national überall umsetzen.
00:52:04: Simi Will: Also jetzt müsste ja Europa zeigen, was es drauf hat.
00:52:08: Malu Dreyer: Ja, absolut. Also ich habe aber auch schon den Eindruck, dass die meisten Staatschefs
00:52:14: Malu Dreyer: verstanden haben, dass man Europa stärken muss und dass man in vielen Bereichen,
00:52:18: Malu Dreyer: wo es einfach in der Vergangenheit gar nicht möglich war,
00:52:21: Malu Dreyer: stärker miteinander kooperieren muss.
00:52:23: Malu Dreyer: Das ist allerdings alles nicht so furchtbar einfach, weil diese unterschiedlichen
00:52:27: Malu Dreyer: Mitgliedstaaten ja politisch auch sehr unterschiedlich aufgestellt sind und
00:52:31: Malu Dreyer: dementsprechend auch die Themen sehr unterschiedlich bewertet werden.
00:52:33: Malu Dreyer: Wenn man allein überlegt, da ist ja Europa ganz gut zusammen bei dem Thema Ukraine,
00:52:40: Malu Dreyer: russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine.
00:52:42: Malu Dreyer: Aber was es da immer wieder für Interventionen durch Ungarn gibt,
00:52:46: Malu Dreyer: allein an dieser Stelle.
00:52:48: Malu Dreyer: Und es gibt Themen, da ist es natürlich noch viel stärker ausgeprägt.
00:52:51: Malu Dreyer: Also es ist eine schwere Aufgabe, aber es ist vollkommen klar,
00:52:55: Malu Dreyer: dass Europa stärker zusammenwachsen muss und wesentliche Fragen auch gemeinsam beantworten muss.
00:53:00: Simi Will: Und das wissen auch alle in Europa?
00:53:03: Malu Dreyer: Viele, glaube ich. Also viele der Hauptakteure sind sich dessen sehr, sehr bewusst.
00:53:07: Malu Dreyer: Man sieht ja, dass es im Moment viele Initiativen gibt, mal von Polen ausgehend,
00:53:11: Malu Dreyer: mal von Frankreich ausgehend.
00:53:13: Malu Dreyer: Natürlich, Deutschland ist ja auch dabei, unterschiedliche Länder und selbst
00:53:16: Malu Dreyer: außerhalb der Europäischen Union, also England beispielsweise,
00:53:20: Malu Dreyer: ist ja jetzt auch wieder stärker eingebunden in viele Aktivitäten.
00:53:24: Simi Will: Stimmt.
00:53:25: Simi Will: Ja, also für mich persönlich und darum dreht sich ja mein Leben in erster Linie,
00:53:30: Simi Will: nämlich um mich, weißt du so,
00:53:32: Simi Will: ist quasi Europa ein ganz großer Wunsch, weil ich das noch mitgekriegt habe,
00:53:40: Simi Will: dass wir bei den Flicks, wenn wir nach Luxemburg Zigaretten kaufen fahren,
00:53:44: Simi Will: immer den Kofferraum aufmachen mussten.
00:53:46: Simi Will: Und irgendwann hat dann unser Papa gesagt, ihr werdet jetzt sehen, jetzt kommt Europa.
00:53:51: Simi Will: Und dann sind die Grenzen auf, dann können wir reisen, dann haben wir alle dasselbe Geld.
00:53:56: Malu Dreyer: Ja, aber es ist auch echt eine wahnsinnig
00:53:57: Malu Dreyer: tolle Erinnerung und auch eine Schilderung, was Europa bedeutet.
00:54:00: Malu Dreyer: Also ich bin der Pfalz aufgewachsen, direkt an der Grenze zu Frankreich.
00:54:04: Malu Dreyer: Und ich erinnere mich noch ganz genau daran, als der Tag kam,
00:54:07: Malu Dreyer: als wir kein Perso mehr vorzuzeigen hatten an der Grenze.
00:54:09: Malu Dreyer: Also habe ich auch wirklich so eine total schöne Erinnerung,
00:54:12: Malu Dreyer: dass wir dann einfach, wir waren oft in Frankreich. Also wenn du in deiner Pfalz
00:54:16: Malu Dreyer: lebst, bist du oft in Frankreich.
00:54:17: Malu Dreyer: Da fährst du einfach mal so rüber, weißt du. Und fährst auch einfach mal so
00:54:20: Malu Dreyer: nach Paris. Das ist ja auch wirklich ein Katzensprung von ihr ja auch.
00:54:24: Malu Dreyer: Und zum Frühstücken nach Paris, das war dann immer so ein Tick, als wir jung waren.
00:54:28: Malu Dreyer: Und das war toll, als wir miterlebt haben.
00:54:31: Malu Dreyer: Da war ich ja noch ganz jung, als dann die Grenzen plötzlich auf waren.
00:54:34: Malu Dreyer: Das ist eine tolle Erinnerung. Und das muss man sich auch immer wieder klar
00:54:38: Malu Dreyer: machen, was das für Errungenschaften sind.
00:54:40: Malu Dreyer: Also großer Europa-Fan. Aber es ist ja tatsächlich so, Simi,
00:54:44: Malu Dreyer: ich kann sagen, vieles, von dem ich geglaubt hätte, dass es nicht mehr wiederkehrt
00:54:49: Malu Dreyer: oder dass sich daran nichts mehr im Negativen ändert, hat sich trotzdem geändert.
00:54:53: Malu Dreyer: Also der Krieg in Europa, dass jetzt wieder an den Grenzen kontrolliert wird
00:54:58: Malu Dreyer: so stark. Ja, Rollback bei der Frauenfrage. Das sind alles Dinge.
00:55:02: Malu Dreyer: Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, der wächst. Das sind alles Dinge,
00:55:06: Malu Dreyer: die ich mir hätte nicht vorstellen können, dass die Generation nach mir wieder
00:55:11: Malu Dreyer: so stark konfrontiert wird mit diesen Fragen.
00:55:14: Simi Will: Ich sage immer, da wo eine Krise ist, springe ich rein. Das war wirklich immer,
00:55:18: Simi Will: dann war das immer der Weg.
00:55:19: Simi Will: Es war nicht einfach und es bleibt schwer, aber einfach ist ja auch langweilig.
00:55:24: Malu Dreyer: Ja, absolut. Aber ich glaube, tatsächlich ist es ja so, wenn man seine eigene
00:55:28: Malu Dreyer: Persönlichkeit weiterentwickeln möchte und eine positive Verhaltung zum Leben haben möchte,
00:55:34: Malu Dreyer: dann muss man halt auch echt in die dunklen Stunden seines Lebens schauen,
00:55:38: Malu Dreyer: um sich daraus wirklich auch wieder rauszukraben, aber vor allem dann eben auch
00:55:43: Malu Dreyer: verarbeiten und zu lernen für die Zukunft und ähnliches.
00:55:46: Malu Dreyer: Und das ist ja letztendlich auch etwas sehr Tolles,
00:55:50: Malu Dreyer: dass man sich ein Leben lang auch weiterentwickeln kann und die Erfahrung macht,
00:55:55: Malu Dreyer: dass eigentlich das eigene Unbewusste einem nie was offenlegt,
00:55:59: Malu Dreyer: was man nicht auch wirklich bearbeiten kann und vertragen kann.
00:56:02: Malu Dreyer: Das ist so eine Erkenntnis, die ich persönlich total super fand,
00:56:06: Malu Dreyer: dass das Unbewusste einem niemals was zumutet, was man nicht schaffen könnte dann auch.
00:56:11: Simi Will: Auf jeden Fall, auf jeden Fall.
00:56:13: Malu Dreyer: Ich weiß noch, als ich meine letzte Prüfung gemacht habe, das zweite Staatsexamen,
00:56:18: Malu Dreyer: ich habe ja Jura studiert.
00:56:20: Malu Dreyer: Ich habe Jura studiert, ja ich bin Juristin. Als ich das zweite Staatsexamen
00:56:23: Malu Dreyer: gemacht habe, da habe ich mir geschworen, das heißt ich dann vor so fünf Männern
00:56:28: Malu Dreyer: und das war einfach so schrecklich, diese letzte mündliche Prüfung.
00:56:33: Malu Dreyer: Und dann habe ich mir geschworen, ich mache meinem ganzen Leben nie mehr eine Prüfung.
00:56:39: Malu Dreyer: Das hat natürlich im kommenden Leben überhaupt nicht gestimmt,
00:56:42: Malu Dreyer: weil stelle ich mal zur Wahl zum Beispiel, dann ist das ja anders.
00:56:47: Malu Dreyer: Das ist aber auch eine Art von Prüfung oder ähnliches.
00:56:50: Malu Dreyer: Aber damals habe ich so das Gefühl gehabt, jetzt bin ich aber fertig auch mit diesem Kapitel.
00:56:55: Malu Dreyer: Lernen und Prüfung und was weiß ich was. Und ich habe erst viel später dann
00:57:00: Malu Dreyer: so für mich erkannt, weil ich immer in meinem Leben Fortbildung gemacht habe,
00:57:03: Malu Dreyer: Coaching gemacht habe und sowas,
00:57:05: Malu Dreyer: Das ist ja auch echt was total Tolles ist, dass man die Chance bekommt in diesem
00:57:10: Malu Dreyer: Leben, sich auch immer wieder weiterzuentwickeln.
00:57:14: Malu Dreyer: Und nur wenn man sich auch unterstützen lässt in vielen Situationen,
00:57:18: Malu Dreyer: schafft man es am Ende auch tatsächlich, sich von der Persönlichkeit her weiterzuentwickeln.
00:57:23: Malu Dreyer: Und das ist etwas, das habe ich immer total, total geschätzt.
00:57:27: Malu Dreyer: Also je höher man steigt sozusagen in so politischen Ämtern und so weiter,
00:57:31: Malu Dreyer: umso dünner wird eigentlich das Eis und du kannst gar nicht mehr in normale
00:57:35: Malu Dreyer: Fortbildungen gehen, weil du kannst ja nirgends mehr offen reden,
00:57:37: Malu Dreyer: erst recht nicht über Persönliches.
00:57:39: Malu Dreyer: Und damit habe ich dann oft so persönliche Coaches gehabt. Das war für mich
00:57:43: Malu Dreyer: dann auch immer echt eine Bereicherung, auch zu gucken, warum habe ich das so
00:57:47: Malu Dreyer: oder so gemacht und gibt es da Dinge vielleicht, an denen ich irgendwie hänge,
00:57:51: Malu Dreyer: die aber irgendwie auch unlogisch sind.
00:57:54: Malu Dreyer: Jetzt rede ich so ein bisschen komisches Zeug ja, glaube ich.
00:57:56: Simi Will: Nein, gar nicht. Nein, Selbstreflexion. Das hört man doch von Politikern.
00:58:00: Simi Will: Da unterstellt man doch auch immer, ja, die stehen da und vertreten ihr Ding und das war's.
00:58:05: Simi Will: Ich finde es toll, dass man mal hört, dass eine Ministerpräsidentin einfach
00:58:10: Simi Will: dienstags manchmal zum Gespräch geht und sich coachen lässt.
00:58:13: Malu Dreyer: Also Selbstreflexion an den Start bringt. Absolut, absolut. Auf jeden Fall.
00:58:18: Malu Dreyer: Ja, und das empfehle ich aber übrigens auch immer allen Nachwuchskräften.
00:58:21: Malu Dreyer: Es ist völlig egal, was man tut.
00:58:23: Malu Dreyer: Es macht einfach totalen Sinn, sich ab und zu mal wirklich auch mit einem Profi
00:58:28: Malu Dreyer: zusammenzusetzen und zu reflektieren, wie man Dinge tut und ob man sie auch
00:58:32: Malu Dreyer: besser machen kann und warum man sich immer wieder verhakt an einer bestimmten Ecke.
00:58:36: Malu Dreyer: Und ich habe persönlich daraus auch mitgekriegt, dass ich mich in meiner Persönlichkeit
00:58:41: Malu Dreyer: einfach dadurch auch weiterentwickle. Und das fand ich immer toll.
00:58:44: Malu Dreyer: Das ist auch was Besonderes.
00:58:46: Malu Dreyer: Ich habe vor einiger Zeit ein Buch gelesen, das heißt das Fest. Kennst du das so fällig?
00:58:51: Simi Will: Dänisch, schwedisch?
00:58:52: Malu Dreyer: Lucy irgendwie. Ich weiß nicht mehr, wie die Autorin heißt. Muss man vielleicht nachliefern.
00:58:57: Malu Dreyer: Das ist echt auch so eine tolle, aufbauende Geschichte von einem Paar,
00:59:02: Malu Dreyer: das eigentlich kein Paar ist.
00:59:04: Malu Dreyer: Und der Mann hat einen runden Geburtstag, ich weiß nicht mehr,
00:59:06: Malu Dreyer: ob er 60 wurde oder irgend sowas.
00:59:08: Malu Dreyer: Und aber absolut kein Fest feiern wollte.
00:59:11: Malu Dreyer: Und die Freundin, die eigentlich die große Liebe ist, die lässt sich dann alles
00:59:16: Malu Dreyer: Mögliche einfallen, um ihn zu überraschen mit einem Fest.
00:59:19: Malu Dreyer: Und das ist so toll geschrieben.
00:59:22: Malu Dreyer: Und es ist so ein Buch, das ist total dünn. Das kann ich wirklich einfach nur
00:59:26: Malu Dreyer: empfehlen, weil das ist so ein Mutmachbuch.
00:59:29: Malu Dreyer: Du kannst Dinge auch einfach mal anders tun und du lass doch manches einfach
00:59:32: Malu Dreyer: zurück und trau dich, was zu tun, wie die Frau, die jetzt dann dieses Fest dann organisiert.
00:59:37: Malu Dreyer: Das ist wirklich ein tolles Buch, einfach so, leichte Sommerlektüre.
00:59:42: Simi Will: Sehr schön, das Fest. Ja, ich kann ja auch mal was Leichtes.
00:59:45: Simi Will: Ich nehme mir immer so schwere Bücher auch, um ein bisschen anzugeben,
00:59:48: Simi Will: wie intellektuell ich bin. Ja, gut. So, ich habe ihn letztens auch noch gekauft.
00:59:53: Simi Will: Hier, Römisch für Angeber. Nee, Latein für Angeber. Kostet nur einen Fünfer.
00:59:57: Simi Will: Das ist so eine kleine Fibel.
00:59:59: Simi Will: Da kannst du dann immer irgendwelche lateinischen Karlauer raushauen.
01:00:03: Malu Dreyer: Ja, genau. Aber das konnte ich noch nie gut. Ganz ehrlich nicht.
01:00:07: Simi Will: So blenden?
01:00:08: Malu Dreyer: Ja, nein. Aber überhaupt so. Mich erinnern an Dinge, die ich vielleicht auch
01:00:13: Malu Dreyer: mal sogar schon gelernt habe in meinem Leben oder so.
01:00:15: Malu Dreyer: Dass ich einfach im richtigen Moment das richtige Zitat beispielsweise.
01:00:18: Simi Will: Ach so. Ja, das kann ich auch nicht. Nee. Das kann ich auch nicht.
01:00:21: Simi Will: Deswegen hatte ich immer ein Büchlein.
01:00:22: Malu Dreyer: Und bei Sprichworten ist es sowieso ganz schlimm bei mir, weil ich sie meistens
01:00:26: Malu Dreyer: einfach total falsch wiedergebe.
01:00:28: Simi Will: Ja, Sprichwörter sind sowieso auch für den Arsch. Entschuldigung, aber...
01:00:32: Malu Dreyer: Manche sind eigentlich lustig.
01:00:34: Simi Will: Weiß ich nicht, weiß ich nicht, weiß ich nicht. So, jetzt noch was zu Trier.
01:00:39: Malu Dreyer: Ja.
01:00:40: Simi Will: Du bist seit wann Triererin und warum? Ja.
01:00:43: Malu Dreyer: Naja, ich habe mich verliebt in einen Mann, der war damals Witwer und hatte
01:00:49: Malu Dreyer: drei Kinder und sein Lebensmittelpunkt war hier in Trier.
01:00:52: Malu Dreyer: Und als wir dann für uns entdeckt haben, dass wir gerne zusammenbleiben wollen
01:00:58: Malu Dreyer: und dass es ein großes Glück im jeweiligen Alter, in der jeweiligen Situation ist,
01:01:04: Malu Dreyer: gab es nur die Option Trier, weil einfach die Situation so war, wie sie war.
01:01:09: Malu Dreyer: Und so kam ich nach Trier. Klaus Jensen, das ist mein Mann. Und mein großes Glück.
01:01:17: Malu Dreyer: Und ich habe damals dann entschieden, ist ja vollkommen klar,
01:01:21: Malu Dreyer: ich komme nach Trier als Hauptwohnsitz.
01:01:24: Malu Dreyer: Ich bin aber damals auch schon Ministerin gewesen, sodass ich auf jeden Fall
01:01:27: Malu Dreyer: auch noch einen Wohnsitz in Mainz hatte.
01:01:30: Malu Dreyer: Und 2003 war das, ich weiß schon gar nicht ganz genau. Also irgendwie so um
01:01:34: Malu Dreyer: die Ecke auf jeden Fall. Oder vier.
01:01:37: Malu Dreyer: Und damals habe ich dann entschieden, hierher zu kommen.
01:01:40: Malu Dreyer: Und ich muss ja sagen, Simi, ich hatte in zweierlei Hinsicht totales Glück.
01:01:43: Malu Dreyer: Einmal mit dem Mann und zum Zweiten, dass er in einer tollen Stadt wohnt.
01:01:46: Malu Dreyer: Weil Trier ist inzwischen wirklich meine Heimat.
01:01:48: Malu Dreyer: Und ich finde, es ist eine wahnsinnig tolle Stadt zu leben.
01:01:52: Simi Will: Worauf freust du dich als Nächstes?
01:01:54: Malu Dreyer: Na, jetzt freue ich mich erst mal auf den Sommer. Ich meine, ich bin in Ruhestand.
01:01:59: Malu Dreyer: Ich habe ja nicht mehr dieses Thema Arbeitsleben und Urlaub.
01:02:02: Malu Dreyer: Aber ich finde, im Sommer sind die Menschen echt entspannt,
01:02:07: Malu Dreyer: also sobald die Ferien losgehen und ja, Leute nicht mehr so ganz im Trotz sind wie normalerweise.
01:02:15: Malu Dreyer: Das macht total viel Spaß. Man trifft ganz viele Menschen und verabredet sich mit ihnen.
01:02:19: Malu Dreyer: Man geht auch zu tollen Locations, wo man sich wohlfühlt und gut mal ein Weinchen trinken kann und so.
01:02:25: Malu Dreyer: Das finde ich eigentlich ziemlich cool und darauf freue ich mich.
01:02:28: Malu Dreyer: Und ich bin auch ein Mensch, der die langen Sommernächte liebt.
01:02:31: Malu Dreyer: Also ich will echt im Sommer nicht ins Bett gehen und ich wünsche mir dann immer
01:02:36: Malu Dreyer: ein ewig, dass es gar nicht dunkel wird, weil ich das so genießen kann, lang auf zu sein.
01:02:41: Simi Will: Schön. Immer sich was raussuchen, worauf man sich freut. Finde ich, ist ein ganz gutes Ding.
01:02:48: Malu Dreyer: Finde ich auch. Immer zu gucken, dass man auch immer wieder so schöne kleine Etappen hat.
01:02:53: Malu Dreyer: Kann auch was ganz Kleines sein. Also mal ein cooles Konzert gehen oder ins
01:02:57: Malu Dreyer: Kino gehen oder sich mit Freunden, die man schon ganz ewig nicht gesehen hat,
01:03:00: Malu Dreyer: mal wieder treffen. Freut man sich auch drauf.
01:03:03: Malu Dreyer: Ja, aber nach Berlin fahren ist auf jeden Fall eine echt gute Option.
01:03:07: Simi Will: Ja, auch ohne Enkel.
01:03:08: Malu Dreyer: Auch ohne Enkel.
01:03:10: Simi Will: Liebe Oma.
01:03:11: Malu Dreyer: Oma Lu eigentlich.
01:03:13: Simi Will: Oma Jung.
01:03:14: Malu Dreyer: Oma Lu.
01:03:15: Simi Will: Oma Lu.
01:03:16: Malu Dreyer: So heiße ich.
01:03:18: Simi Will: Oma Lu.
01:03:19: Malu Dreyer: Ja. Oma Malu. Oma Lu.
01:03:22: Simi Will: Oma Lu. Mit diesen Worten schließen wir heute.
01:03:27: Simi Will: Ich sage Tschüss meiner Freundin Malu Dreyer.
01:03:32: Malu Dreyer: Tschüss Simmi. Es war schön. Viel Spaß. Tschüss. Ciao.
01:03:40: Simi Will: Soweit mit Malu und mir. Teil 2,
01:03:44: Simi Will: das, was passiert, wenn das Mikro noch an ist, aber schon Tschüssi gesagt worden
01:03:50: Simi Will: ist, das könnt ihr exklusiv hören, wenn ihr den Dazwischen-Podcast unterstützt.
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