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Janboris Ann-Kathrin Rätz (nicht-binäre/trans* Person, Modertaor*in, Queer-Aktivist*in)

Shownotes

Als Mario mich damals in die Tufa geschleppt hat, dachte ich zuerst – ach nee, Fummelabend, kenne ich, hab ich alles schon gesehen, nein danke. Ich bin damals ehrlich gesagt nur aus Solidarität mitgegangen. Und dann saß ich da, und auf der Bühne wurde Lyrik aus dem 19. Jahrhundert gelesen und Chansons gesungen, und Ivan Summersky und Daniela Kurella malten währenddessen mit dem Rücken zum Publikum Bilder, die aus der Performance entstanden. Lyrik – fein, Performance – interessant, und viele nette Menschen drumrum. Denn es war weit mehr als ein Fummelabend.

Dabei war meine allererste Begegnung mit Janboris viel früher – ich wusste es nur nicht. Ich saß bei meiner Mama vorm Fernseher, SWR-Nachrichten, „sei mal ruhig, wir gucken jetzt Nachrichten“. Und da war der Nachrichtenmann vom SWR Rheinland-Pfalz, auf den ersten Blick alles „voll normal“: Sakko, Hemd, Frisur. Doch der zweite Blick machte mich sehr froh, denn der Nachrichtenmensch hatte die Fingernägel farbig lackiert. Ich habe zweimal hingeguckt und innerlich gejubelt: Ey, hier in Rheinland-Pfalz hat sich „ganz schön viel getan“, dachte ich noch … und Mama meinte: Glaubst du denn, wir hier in Trier leben hinterm Mond?

Diese Person war Janboris Ann-Kathrin Rätz. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen bei Reutlingen, vier Kinder in fünf Jahren, der Vater gelernter Strumpfstricker aus der Eifel, die Klamotten aufgetragen von Großcousins. Gelernt: Mediengestaltung Bild und Ton, also eigentlich hinter der Kamera. Dann ein paar Monate Caracas, ein paar Jahre Köln, fünfzehn Jahre Brüssel – und vor die Kamera gerutscht, weil in den Redaktionen niemand so gut Französisch und Niederländisch konnte. Von 2014 bis 2024 SWR. Und dann die Kündigung, nicht aus Trotz, sondern auf ärztlichen Rat. Seit dem Selbstbestimmungsgesetz 2024 lautet der vollständige Name Janboris Ann-Kathrin Rätz, der Geschlechtseintrag ist ein X.

Worüber wir reden:

– Warum „dazwischen“ bei Janboris Ann-Kathrin wörtlich zu nehmen ist – und warum die Schublade trotzdem nur die anderen brauchen – Wie es sich anfühlt, mit allen Privilegien groß zu werden und nach dem Outing zu merken, dass eine gläserne Wand runtergeht. Frauen sagen dazu: willkommen im Club – Ein Fläschchen Nagellack in den seriösen Nachrichten – und Zuschauer, die deswegen der Ministerpräsidentin schreiben. Nicht dem Sender. Der Ministerpräsidentin! – Warum Angst, Scham und Schmerz die eigentlichen Motoren des Hasses sind – und warum Selbstliebe für manche eine Provokation ist – Alkohol als Familienerbe: Die Mutter trank, um nicht fühlen zu müssen. Das Kind tat exakt dasselbe – bis zur dritten Flasche Wein allein in der Corona-Zeit – Trier als „Insel der Glückseligen“: Spaghetti-Eis, Queergarten, Rosa Fastnacht – und trotzdem der einzige Ort, an dem Janboris je aus einem Laden geflogen ist – Warum ein Doppeldecker-Bus ab Idar-Oberstein das schönste Verkehrsmittel Deutschlands ist – 6-7, Triple T, Neopronomen: Warum sich Sprache ständig verändern darf – nur an einer Stelle plötzlich nicht mehr

Mehr über Janboris Ann-Kathrin Rätz: Website: https://janborisineinemwort.my.canva.site/ Instagram: https://www.instagram.com/janborisineinemwort/

Transkript anzeigen

Simi Will: Und überall hörbar. Dazwischen mit Simi Will.

Simi Will: Hallo zusammen draußen an den Endgeräten. Hier ist wieder eure Simi Will aus dem Dazwischen.

Simi Will: Heute im Dazwischen, hier bei Steffi Stahl im Kämmerchen, sitzt mir gegenüber

Simi Will: eine grauhaarige, schöne Person mit blauer Hose, blauen Ohrringen.

Simi Will: Also sehr gut gestylt, aber nicht too much, wie ich finde.

Simi Will: Es ist niemand Geringeres als Jan Boris und jetzt geht es schon darum,

Simi Will: wie heißt du denn jetzt wirklich? Hallo Jan Boris erst mal.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hallo Simi, vielen Dank für die Einladung. Mein vollständiger Name ist Jan Boris an Katrin Räts.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So ist mein kompletter Name, seit ich über das Selbstbestimmungsgesetz 2024

Janboris Ann-Kathrin Rätz: diesen Namen so für mich gewählt habe und meinen Geschlechtseintrag von einem

Janboris Ann-Kathrin Rätz: M zu einem X geändert habe.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und damit ist schon klar, wohin die Reise geht. Und ich freue mich, Robo, hier reden.

Simi Will: Ins dazwischen natürlich. Ins dazwischen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber es ist wirklich im wahrsten Sinne des Wortes dazwischen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich bin eine trans nicht-binäre Person.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und nicht-binär bedeutet tatsächlich dazwischen. Also weder ganz männlich noch

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ganz weiblich, sondern irgendwo dazwischen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Oder ganz losgelöst von beiden Begriffen, dass ich im Idealfall einfach ich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: bin. Eine Person, ein Mensch. Ich brauche die Schublade nicht.

Simi Will: Ich offensichtlich immer noch. Weil,

Simi Will: also ich bin einfach schubladig sozialisiert. Weißt du, was ich meine?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich weiß, was du meinst, weil wir ja alle so sozialisiert sind.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich mich in meinem Leben aber sehr schwer damit getan habe.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es hat bei mir zu großen Problemen geführt, gerade als männlich gelesene Person,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: bestimmte Dinge nicht tun zu dürfen in meinem Leben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und da kann ich mich schon, als ich ganz klein war, daran erinnern,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass ich so gedacht habe, hä, wieso soll ich jetzt das nicht dürfen?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und warum darf ich nicht weinen, wenn meine Schwestern weinen dürfen?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Warum muss ich eine Stärke zeigen, die andere nicht zeigen? Weißt du,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wie ich meine? Ja, ja, klar.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dass das für mich mit einer Härte, mit einer Schwere verbunden war,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die mich sehr unter Druck gesetzt hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wie du auch gerade vorhin sagtest, too much ist ein gutes Stichwort bei

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mir. Ich hatte immer das Gefühl, ich bin entweder nicht gut genug oder too much.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich muss das Nadelöhr treffen, das andere von mir erwarten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dann darf ich am Tisch mit dabei sitzen, dann darf ich mitspielen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann bin ich respektiert, dann bin ich akzeptiert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das hatte bei mir starke Folgen. Ich bin alkoholabhängig geworden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich hatte Depressionen, Selbstmordgedanken. Und das alles aus so einem...

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich darf nicht so sein, wie ich bin. Ich muss in so ein Korsett reingezwängt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: werden, das mir zu eng ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und heute, wo ich selbstbestimmter durchs Leben gehe, habe ich das nicht mehr.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich bin freier. Ich bin mit mir viel zufriedener. Ich habe für mich so eine

Janboris Ann-Kathrin Rätz: innere Zufriedenheit und eine innere Ruhe gefunden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und gleichzeitig nimmt der Hass von außen zu. So darfst du nicht durch die Welt laufen.

Simi Will: Gut, aber da dieses, was du eingangs beschrieben hast, dieses,

Simi Will: ich muss mich besonders anstrengen, um da reinzupassen und was stimmt denn mit mir nicht?

Simi Will: Die Frage hatte ich als Kind Teenager auch immer im Kopf.

Simi Will: Ich war auch immer, ich war ein einsamer Teenager und ich hatte immer das Gefühl,

Simi Will: ich genüge nicht. Oder was stimmt, diese Überschrift, was stimmt denn mit mir nicht?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich glaube, dass ganz viele Frauen, die zuhören, ganz viele weiblich gelesene

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Personen, die zuhören, da andocken können, weil,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weißt du, für mich das Absurde ist ja, ich bin als Mann, als Junge zur Welt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gekommen und so sozialisiert mit allen Privilegien, die da mit einhergehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich hatte immer das Gefühl, ich sitze bei allem Druck, der da ist,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: am Privilegientisch vorne mit dabei. Und ich kann es mir aussuchen, wie ich es will.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So, und dann oute ich mich irgendwann, weißt du, auf die Idee musst du auch

Janboris Ann-Kathrin Rätz: erstmal kommen, als transnichtbinär. Und es fährt plötzlich wie so eine gläserne Wand runter.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich sitze nicht mehr am Privilegientisch vorne mit dabei.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wenn ich heute mit Frauen darüber spreche, sagen die, ja klar, willkommen im Club.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das kennt ihr. Nur der Unterschied ist, Frauen oder weiblich gelesene Personen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: kriegen das so beigebracht, von Anfang an, dass du dich auf eine bestimmte Art

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und Weise verhalten musst, auf eine bestimmte Art und Weise

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gefügig verhalten musst, dann wirst du ernst genommen, dann darfst du mitmachen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Als Mann ist das anders.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist, ich finde es absurd, wie oft ich in Situationen bin und denke,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist das jetzt euer Ernst?

Simi Will: Ja, und das im Jahr 2026. Ich weiß, dass Homosexualität, andersartiges,

Simi Will: irgendwas Gewünschtes möglich war, schon in den 80ern.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Simi Will: Ja gut, also da kamen ja nochmal die tausendjährigen AfDler dazwischen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, da sind wir jetzt wieder kurz davor, Fragezeichen.

Simi Will: Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: It's always history repeating. So. Auf eine erschreckende Art und Weise.

Simi Will: Ja, das ist aber so schablonenhaft. Ich war gestern bei der Eröffnung der Ausstellung im Simeonstift.

Simi Will: 1920, Trier, 20er Jahre, goldene Zeit, schwere Zeit.

Simi Will: Was war in den 20ern hier in der Region so los? Und wie sah der Alltag aus?

Simi Will: Wer wurde ausgegrenzt? Wer durfte mitspielen? Tolle Ausstellung.

Simi Will: By the way, das nochmal zurück.

Simi Will: Aber was ich meinte als Teenager oder als Anwachsende, als Coming-of-Age-Mädchen,

Simi Will: weiß ich, dass ganz viele Freunde von mir plötzlich schwul waren.

Simi Will: Also sich geoutet haben, dass es offen gelebt wurde.

Simi Will: Leichte Empörungshüsteleien hier und da, aber letztendlich, so schien es mir,

Simi Will: war das eigentlich schon sehr offen. Und wenn wir einfach mal sagen, das ist ja 40 Jahre her.

Simi Will: Dann komme ich aber nach Berlin, arbeite in der HIV-Prävention in den 90ern

Simi Will: und stelle plötzlich fest, weil ich habe ja selbst meine Mama

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hat ja… Sagst du HIV-Prävention? Für die HIV-Prävention?

Simi Will: Ja, da haben wir früher gesagt, in der HIF-Beratung, da habe ich mein Diplom-Thema

Simi Will: gefunden, die haben die besten Partys gemacht.

Simi Will: Es war einfach ein organisches Zusammenwachsen.

Simi Will: Und deswegen war ich so schockiert, dass in Berlin mir nochmal klar geworden

Simi Will: ist, Mitte der 90er, wie stark quere Menschen immer noch diskriminiert werden.

Simi Will: Dass es den schwulen Paragrafen noch gab, diese ganze Zeit, das war mir gar nicht klar.

Simi Will: Weißt du, ich habe immer, ich habe ab 15 in der Gastro gearbeitet,

Simi Will: in irgendwelchen Clubs, die, die noch Feier gefeiert haben, das waren die schwulen

Simi Will: Bars oder die queeren Orte, die noch auf hatten, wo man noch hinkonnte,

Simi Will: wenn man dann Feierabend hatte. Deswegen dachte ich, war das für mich so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber du bist auch, weil ich will schon nochmal einen Unterschied machen zwischen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Berlin und jetzt, sage ich mal, dem Rest von Deutschland, da gehört für mich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: natürlich auch Trier dazu oder überhaupt ländlichere Gebiete,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich lebe in Mainz, wenn ich in die Eifel gehe, in Rheinland-Pfalz oder überhaupt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mich in Rheinland-Pfalz bewege oder in Deutschland bewege, es ist anders als in Berlin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber du bist doch auch weg hier

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aus Trier, weil es dir zu eng ist und du wolltest in die weite Welt, oder?

Simi Will: Ja, ich wollte raus, ich musste raus, weil ich nämlich damals schon Alkoholikerin war.

Simi Will: So, ja und ohne es zu wissen natürlich, rückblickend weiß ich es. Und ich

Simi Will: Ja, und ich wollte irgendwie hier weg. Ich weiß nicht, aber sehr spät.

Simi Will: Ich bin jetzt nicht so mit 17 in die weite Welt hinein, gar nicht.

Simi Will: Weil ich hier in Trier auch immer so ein kleiner Star war, weil mich alle kannten.

Simi Will: Und wenn du so 18, 19 bist, an jedem Tresen irgendwo Chefin bist.

Simi Will: Also immer auf der anderen Seite. Aber bestimmst, was hier läuft,

Simi Will: das hat mir natürlich gefallen in Trier.

Simi Will: Und es war viel bunter in Trier, als es heute ist. Es gab eine riesen Kneipenszene.

Simi Will: Es gab Punks auf dem Hauptmarkt.

Simi Will: Also so rückblickend. Ich war die Letzte, die weggegangen ist.

Simi Will: Aber als ich dann weg war, wollte ich nie wieder zurück.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich frage, weil ich auch weg bin. Ich bin in Baden-Württemberg aufgewachsen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in der Nähe von Stuttgart in Reutlingen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich bin mit 19 mit wehenden Fahnen da weg, weil ich eben auch da das Gefühl

Janboris Ann-Kathrin Rätz: hatte, die Joy-Klappen sind mir zu eng.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann bin ich erstmal, ich war ein paar Monate in Caracas,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich war dann ein paar Jahre in Köln, ich bin nach Brüssel 15 Jahre und dann

Janboris Ann-Kathrin Rätz: 2014 nach Mainz zurückgekommen. Der Liebe wegen, die es nicht mehr gibt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber hey. Und bin eigentlich mittlerweile hier in Rheinland-Pfalz ganz happy.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Jetzt natürlich auch die Corona-Jahre und überhaupt so diese ganze Zeit,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in der ich mich jetzt sehr mit mir selbst beschäftigt habe und für mich mit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mir gearbeitet habe und einen Zugang zu mir gefunden habe, der mir irgendwie

Janboris Ann-Kathrin Rätz: so eine Ruhe gibt und so eine innere Stärke gibt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da bin ich dankbar für und das weiß ich nicht, ob ich das in so einer Köln,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Caracas, Brüssel, Alarm, Alarm, Alarm Situation, ob ich die Ruhe und dieses

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Zu-mir-Finden auch so bewältigt hätte. Weiß ich nicht.

Simi Will: Das glaube ich. Also ich habe zwar für mich in Berlin was gefunden,

Simi Will: das hat aber auch lange gedauert, aber anyway.

Simi Will: Ich bin ja jetzt wieder hier und ich mag es jetzt, hier zu sein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich liebe Trier so gerne. Also ich liebe Trier so gerne, klingt komisch. Ich liebe Trier so sehr.

Simi Will: Ja, die erste Begegnung mit dir war in der Tufa, das weiß ich noch.

Simi Will: Da war ich noch gar nicht so lange hier und da hat mich Ivan Summersky, Mario.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, die Grüße gehen raus.

Simi Will: Ja, auf jeden Fall. Bubu-Schätzchen. Mario war einer der Ersten,

Simi Will: die ich hier in mein Herz geschlossen habe, weil er so tolle Bilder malt und

Simi Will: so mutig ist, wie ich finde.

Simi Will: Und der hat mich dann mitgeschleppt zu einer Veranstaltung in der Tufa,

Simi Will: wo du, also es war Chansonabend mit Emanzipationsthemen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und er hat gemalt, also Alvin Samoska hat gemalt und Daniela Corella hat auch gemalt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ich habe performt auf der Bühne und die beiden haben verdeckt zum Publikum,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zwei Bilder gemalt, die entstanden sind aus den Performances heraus,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die ich gemacht habe. Und ich habe irgendwie, weiß ich nicht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Lyrik aus dem 19. Jahrhundert vorgelesen und Chansons ein bisschen über das Leben erzählt.

Simi Will: Und ich dachte ganz ehrlich, ach nee, hier so Fummelabend, nein danke,

Simi Will: weißt du, sage ich jetzt mal nicht. Wir lieben Fummelabend.

Simi Will: Ja, so, weißt du, wo ich dachte, ey, kenne ich alles, alles schon gesehen und

Simi Will: bin dann aber mit wegen Mario und Solidarität und dann war ich sehr begeistert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hast du noch nicht gesehen? Was? Hast du noch nicht gesehen so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was wir gemacht haben auf der Bühne?

Simi Will: Nee, weil es war eben keine Fummeltränen-Geschichte.

Simi Will: Fummel trinken, verzeih mir das Wort.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nee, völlig in Ordnung.

Simi Will: Ich kenne das halt, dass auch, ja, du weißt, was ich meine, Transenmoden schauen und Party und Dings.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich verstehe mich tatsächlich auch ein bisschen als Tunte aus der Tradition

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der 70er Jahre, der Tuntebewegung, die es gab.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Auch damals schon effeminiertere Männer, die im Fummel, so nennen die auch so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: oder in der Tuntebewegung wird das auch Fummel genannt, mit einer Dutte,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit einem Fummel, mit Stöckeln.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dass damals schon effeminiertere Menschen übrigens aus ganz Europa nach Deutschland

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gekommen sind, nachdem die Stonewall-Aufstände waren 1969 in der New Yorker Christopher Street,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Geburtsstunde der heutigen CSDs.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da sind in Deutschland aus Frankreich, aus England, aus Italien,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aus Spanien effeminiertere Männer zusammengekommen und sind auf die Straßen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gegangen, um eben für gleiche Rechte zu kämpfen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und da hat der nicht effeminierte Mann schon damals gesagt, nee,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die möchten wir nicht, bitte nicht. Und da gab es in den 70er Jahren den Tundenstreit.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Auch alles Sachen, die, wir haben gerade schon über die 20er Jahre gesprochen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: es kommt alles wieder. Es ist alles nicht neu.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und jetzt ziehe ich heute einen hohen Schuh an oder ziehe ein Kleid an oder

Janboris Ann-Kathrin Rätz: lackiere mir die Fingernägel oder was weiß ich, trage Make-up, Ende des Abendlandes.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: And I don't get it. Ich verstehe es nicht.

Simi Will: Aber es gibt auch das andere und ich habe mir irgendwann mal

Simi Will: Ich will mich nicht so entkräften an diesem Thema abarbeiten,

Simi Will: wie schlimm das eigentlich alles ist wieder, diese Regression, was da jetzt passiert,

Simi Will: sondern zu gucken, was gibt es denn Gutes und das wirklich suchen zu gehen,

Simi Will: weil sonst verzweifelst du ja.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich glaube, die Verzweiflung ist auch Teil des Playbooks.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also wenn wir mal davon ausgehen, dass da irgendwie ein gearteter Plan dahinter

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist, den Faschismus wieder so zu etablieren.

Simi Will: Also Kontrolle über die Idee.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, genau, dass wir uns empören über Dinge und dann beschäftigen wir uns mit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der Empörung und nicht mehr mit den Themen an sich.

Simi Will: Und nicht mehr mit den Inhalten, die geändert werden sollen oder stabilisiert werden sollten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, mein Vater hat es immer gesagt, Gott hab ihn selig, wenn irgendwas so ganz

Janboris Ann-Kathrin Rätz: groß in den Medien ist, dann guck nochmal dahinter, was eigentlich passiert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nehmen wir mal dieses Reformpaket der Bundesregierung, das gerade verabschiedete.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Worüber reden wir jetzt laut und was passiert im Hintergrund eigentlich? Das sind so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Sachen hier, den hat mir mein Vater mal mit auf den Weg gegeben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Insofern habe ich so ein kritisches Selbstverständnis schon von klein auf mitgekriegt.

Simi Will: Was haben deine Eltern gemacht? Also aus solchen...

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Arbeiterfamilie. Mein Vater war Textildesigner und hat Strumpfstricken,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: hat er gelernt in der Eifel, in Kerpen bei Hillesheim, das ist ein kleines Dorf mit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: einer Burg, da gab es eine Strumpffabrik und da hat er Strumpfstrickerei gelernt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und ist dann Textildesign nach

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Baden-Württemberg, weil die Textilindustrie da in den 70er-Jahren war.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die ist aber da den Bach runtergegangen damals und dann war der schneller arbeitslos,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: als du drei sagen konntest und ist dann schlussendlich bei der Stadt gelandet,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: war ein Angestellter bei der Stadtverwaltung und wir hatten nie viel Geld,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: meine Eltern. Wie viele Geschwister? Drei, wir sind zu viert.

Simi Will: Also vier Kinder ist eine Menge Holz.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wir sind innerhalb von fünf Jahren vier Kinder. Ich bin 77 geboren,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mein kleiner Bruder, der auch schon über 40 ist, ist 82 Also es ging … Hintereinander weg. Ja.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Was heute ganz schön ist, weil wir wirklich jetzt auch noch einen guten Kontakt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: miteinander haben, auch einen engen Kontakt miteinander haben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil wir eng waren als Kinder und auch funktionieren mussten so in so einem Gefüge miteinander.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber ja, es waren sehr einfache Familienverhältnisse, somit die Kleider,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die wir gekriegt haben, waren aufgetragene von irgendwelchen Großcousins und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: so, die man in der Familie hatte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wenn ich heute Fotos sehe, denke ich, geil, sieht aus wie bei Stranger Things.

Simi Will: Aber es hat gekratzt und es war ganz schlimm, weil es nicht modern war.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: War aber alt aufgetragen von anderen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Welcher Jahre bist du?

Simi Will: 67.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also zehn Jahre Unterschied nochmal. Aber dasselbe Erlebniswelt, ohne Internet.

Simi Will: Ohne Handys. Noch analog sozialisiert und auch aufgetragene Klamotten,

Simi Will: das kenne ich auch. Kratzige Strumpfhosen im Winter.

Simi Will: Kinderwille ist Kälbertreck. Mach die Augen zu. Wie?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wie war das?

Simi Will: Kinderwille ist Kälbertreck. Süß. Mach die Augen zu, da siehst du, was deins ist.

Simi Will: Wenn du dann so als Siebenjähriger auf der Rolltreppe im C&A.

Simi Will: Mama, ich will, dass das meins ist. Mach die Augen zu, da siehst du,

Simi Will: was deins ist. Voll negativ eigentlich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also es waren noch andere Sprüche bei uns dabei, die auf eine Art und Weise hart waren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich wiederhole das jetzt nicht, weil es teilweise wirklich sehr rassistisch

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und ableistisch gewesen, was da rausgehauen wurde.

Simi Will: Das ist hier im Dialekt auch verankert. Also da gibt es Lothar Neist zum Beispiel

Simi Will: als Zuschreibung für eine Person, für einen Mensch,

Simi Will: der es nicht geschafft hat, in der Gesellschaft irgendwas zu werden, was immer es bedeutet.

Simi Will: Etwas geworden zu sein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hast du das Gefühl, du bist was geworden?

Simi Will: Ich bin ich geworden. Noch nicht so lange, viel zu spät eigentlich.

Simi Will: Also das Einzige, wo ich jetzt mit fast 100 so, wo ich echt denke,

Simi Will: ich habe schon lange, ich finde mich heute schön.

Simi Will: Das klingt absurd. Also das darf man ja als Frau schon mal gar nicht sagen.

Simi Will: Doch, ich finde, du darfst es sagen. Weil das ja irgendwie schicker ist, so Mädchen da.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber das weiß ich noch nie.

Simi Will: Aber ich muss sagen, wenn ich heute in den Spiegel gucke, alles in Ordnung,

Simi Will: alles gut. Es ist in Ordnung, ich kann mich leiden.

Simi Will: Ich finde mich jetzt auch nicht im Wahnsinn, aber ich kann mich leiden.

Simi Will: Und ich sage mir, das was ich bin, take it or leave it, ich bin froh mit mir. Punkt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nicht mehr, nicht weniger. Ja, das klingelt bei mir sehr. Ich fühle das sehr,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil das für mich auch so ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es kommt für mich so aus so einem Inneren heraus. Für mich fühlt sich das,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was ich heute bin, was ich tue, sehr richtig an.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich habe keine, das bin ich, das ist, ich will da auch niemandem was Böses

Janboris Ann-Kathrin Rätz: oder auf den Geist gehen oder irgendwie provozieren oder Aufmerksamkeit. Ich bin so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich möchte gerne so, wie ich durchs Leben gehe, meinem inneren Gefühl einen Ausdruck geben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich weiß, das sind so viele Menschen wie ich, laufen auf der Straße nicht rum

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und dann guckt man und denkt irgendwie, hä, was ist jetzt das und so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das kann ich nachvollziehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber warum müssen die Leute das so verurteilen, wenn ich gleichzeitig so ein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gutes Gefühl mit mir selber habe? Weißt du, wie ich meine?

Simi Will: Mhm, klar.

Simi Will: Und ja, ich finde, nee, deswegen war das für mich auch keine Fummeltränenveranstaltung.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ah, jetzt haben wir diesen ganz großen Schlenker gemacht.

Simi Will: Nee, weil jetzt komme ich immer zurück zu dem, ne, lange Haare tragen,

Simi Will: Fummel anhaben, Show auf der Bühne.

Simi Will: Und das hatte damit gar nichts mehr zu tun. Ich konnte ganz schnell einfach

Simi Will: da sitzen, wo ich sitze und mir das angucken, was passierte.

Simi Will: Und das, weißt du, wie ich meine?

Simi Will: Und das auch jetzt wieder in der Begegnung. Ich muss jetzt noch eine Story erzählen.

Simi Will: Das Erste, was ich von dir mitbekommen habe, war ganz am Anfang im Regionalfernsehen,

Simi Will: habe ich dir auch gesagt.

Simi Will: Mama, meine Eltern gucken jeden Tag die Abendschau, Landesschau,

Simi Will: wie auch immer das heißt, die SWR-Nachrichten.

Simi Will: Es gibt ja das SWR für Brandenburg, hätte ich schon fast gesagt,

Simi Will: SWR für Rheinland-Pfalz und es gibt es für Baden-Württemberg.

Simi Will: So und Regionalfernsehen ist was ganz Wichtiges, ist mir jetzt klar geworden,

Simi Will: weil ich in Berlin auch oft RBB geguckt habe tatsächlich, wenn ich wissen wollte,

Simi Will: was wo irgendwie ist oder so.

Simi Will: Und hier in der Region wird es sehr viel geguckt. Also ich glaube in jedem zweiten,

Simi Will: Vor allen Dingen ältere Leute.

Simi Will: Und bei uns lief immer abends, wenn ich da war und kurz bevor die Medikamentenschwester,

Simi Will: Bruder, wer auch immer kommt,

Simi Will: Gucken wir halt RBB und dann SWR und dann Nachrichten, sei mal ruhig,

Simi Will: wir gucken jetzt Nachrichten.

Simi Will: Und ich so, okay, setz mich so neben Mama, guck mit der Mama die SWR-Nachrichten.

Simi Will: Und da saß so ein Typ, hellgraue Haare oder blond, dunkelblond und der hatte lackierte Nägel.

Simi Will: Alles andere war Gänsefüßchen mitgesprochen, normal.

Simi Will: Sakko, Hemd, keine Ahnung, weiß ich nicht. und ich guckte so und guckte nochmal

Simi Will: und ich mir, krass, das ist ja geil.

Simi Will: Und da habe ich voll abgefeiert, weil ich dachte, ey, mach dich mal locker.

Simi Will: Es gibt auch hier in der Region jetzt Dinge, die nicht mehr so oldschool sind.

Simi Will: Ja, es gibt einen Nachrichtensprecher, der vielleicht nicht binär ist oder sich

Simi Will: einfach nur die Fingernägel lackiert.

Simi Will: Als Mann, was auch immer, es ist schön.

Simi Will: Schön, dass es, ach Toll. Dann habe ich noch Anna Malt gesehen, zwei Tage später.

Simi Will: Dann habe ich gedacht, ich bin hier in einem ganz neuen Rheinland-Pfalz gelandet,

Simi Will: was wirklich nach vorne bricht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir müssen, glaube ich, alle aufklären, dass diese Person war ich.

Simi Will: Genau. Du warst der Nachrichtensprecher.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die da stand mit lackierten Fingernägeln. Und ansonsten tatsächlich am Anfang

Janboris Ann-Kathrin Rätz: war es noch richtig Anzughemd, Krawatte, lange auch noch.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Herrenschuh, kein Make-up, keine langen Haare, keine Ohrringe, nichts.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also der einzige Ausdruck, weil das war mein Wunsch damals, dass ich gesagt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: habe, ich möchte gerne sichtbar queer in Erscheinung treten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ich möchte, dass die Leute irgendwie sehen, ein Erkennungsmerkmal bei mir haben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist schwierig, weil was bedeutet sichtbare Queerness?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann habe ich für mich entschieden, ich lackiere mir die Fingernägel.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich fand, das sah super aus.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weißt du, was das Problem war? Dass Menschen wie du, die das toll fanden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: nicht dem SWR geschrieben haben, dass sie es toll fanden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die, die es nicht toll fanden, die haben das dem SWR mitgeteilt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann war das für den SWR irgendwann die Entscheidungsgrundlage,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: naja, es sind halt mehr Leute, die es nicht gut finden, also müssen wir irgendwas unternehmen.

Simi Will: Wegen öffentlich-rechtlich?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Öffentlich-rechtlich ist gar nicht so sehr das Argument, weil eigentlich gibt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: es einen Rundfunkstaatsvertrag nach dem der öffentlich-rechtliche Rundfunk Programm

Janboris Ann-Kathrin Rätz: machen muss und darin steht der ist mittlerweile reformiert worden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber es steht da immer noch drin dass,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der SWR oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen muss oder der öffentlich-rechtliche

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Rundfunk muss Programm für alle Bevölkerungsgruppen und alle Altersgruppen machen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und mein Argument war immer, dann lass mich doch meinen Puzzlestein dazu beitragen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Alle anderen können ja konservativ in der Erscheinung treten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Warum muss ich das auch, wenn ich gar nicht so bin?

Simi Will: Wenn ich Dienstag und Freitag dran bin, bin ich halt für die queere Community.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Mit so einem kleinen Erkennungsmerkmal wie lackierten Fingernägel. Mehr war es ja nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ende des Abendlandes. Ich glaube, das Problem war, die Frage,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die ich aufgeworfen habe, war, wie sichtbar queer dürfen die seriösen Nachrichten denn sein?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und inwiefern ist das, was jetzt auch vor dir sitzt, oder ein Mensch mit lackierten

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Fingernägeln eben nicht seriös.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich musste mir von Führungskräften immer wieder das Argument anhören,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ja eine Kultursendung könnten sie so ja moderieren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Mit der Referenz dann zu Moneskin, David Bowie, Kiss, wo in der Kultur,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wo das geht, dass Männer in Anführungszeichen sich eben schmücken dürfen oder

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwie mit Make-up, mit Nagellack irgendwie, aber doch nicht in den seriösen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nachrichten, auch nicht in einem

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Talk-Format, in einem politischen und so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da muss man neutral sein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Selbes Argument wie Frau Klöckner heute im Bundestag. Die Neutralität, die vermeintliche.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und aus meiner Perspektive, es ist nicht neutral, wenn Menschen in Nachrichtenstudien

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aussehen wie die 50er Jahre lassen grüßen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So sieht nicht per se Neutralität aus. Und ich gehe auch noch einen Schritt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weiter und sage, wenn ausschließlich weiße Cis-Heteropersonen nicht sichtbar behindert,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit einem akademischen Hintergrund keine sichtbaren Tattoos,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wenn das unsere Seriosität darstellt, na gute Nacht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich will auch schwarze, ich will auch migrantisch gelesene Personen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich möchte sichtbare Behinderungen, ich möchte sichtbare Tattoos,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich möchte dicke Menschen in den Nachrichtenstudios sehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nicht nur dieses Norm-Ideal-Standard 0815. Und dann gehe ich nochmal wieder

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zurück zu meinem Argument, Alle Bevölkerungsgruppen, alle Altersgruppen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das steht im Rundfunkstaatsvertrag. Es ist kein Spleen in meinem Kopf, das steht da drin.

Simi Will: Du hast es zehn Jahre gemacht. Zehn Jahre warst du der Nachrichtengeber quasi vom SWR.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe von 2014 bis 2024 für den SWR gearbeitet

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und ich habe meine erste Nachrichtensendung 2015 im Mai moderiert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ich habe ein Jahr Redaktion gemacht in der Wirtschaftsredaktion und bin

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann in die Nachrichten gewechselt.

Simi Will: Okay. Ich denke oft, dass...

Simi Will: Da werden aber auch viele Menschen unterschätzt. Ich glaube,

Simi Will: dass die Gesellschaft weiter ist und wenn man dabei mal, also ne?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: In Teilen ja. In Teilen ja wahrscheinlich. Und in Teilen halt auch überhaupt gar nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also was ich an Hate auch im Internet jeden Tag bekomme von Kotze-Emojis und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Kackehaufen, die, weißt du, das ist ja noch das harmloseste, über,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Beleidigungen, Beschimpfungen, Morddrohungen und Selbstmordaufforderungen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist nicht mehr feierlich, was da passiert. Insofern, es gibt den einen Teil, ja, das sehe ich,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass Leute auch damals beim SWR gesagt haben, toll, cool, endlich verändert

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sich was, klasse, welche Nagelfarbe haben sie denn heute, wenn mich Leute auf

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der Straße getroffen haben und so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber auf der anderen Seite ein großer, großer Backlash.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Eine witzige Situation war, dass ich mich mit jemandem, der damals für das Team

Janboris Ann-Kathrin Rätz: von Malu Dreyer gearbeitet hatte, der damaligen Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wir saßen beim Mittagessen zusammen und dann sagte er so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weißt du übrigens, dass damals wegen der Fingernägel es Menschen gab,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Malu Dreyer Briefe geschrieben haben?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Bitte tun Sie was, das kann doch nicht sein. Echt nicht wahr?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Der Ministerpräsidentin.

Simi Will: Malu war auch bei mir.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Im Podcast.

Simi Will: Ach Gott. Aber was glaubst du, was ist, ja klar, natürlich gibt es das,

Simi Will: weiß ich, aber was glaubst du, was das ist, wovor haben die Leute Angst?

Simi Will: Weil es muss ihnen ja Angst machen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich glaube, ja, ich glaube tatsächlich einer der Gründe ist Angst,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ein anderer ist Scham und der dritte ist Schmerz.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Menschen gehen, glaube ich, sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft gehen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit Angst, Scham oder Schmerz durchs Leben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und mir ist klar heute, dass wenn ich mit dem Selbstbewusstsein,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das ich heute habe, war ja auch nicht immer so, Menschen einen Spiegel vorhalte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und natürlich bin ich in meinem Leben auch mit viel Schmerz,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit viel Angst, mit viel Scham durchs Leben gegangen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich habe das in der großen Arbeit, die ich geleistet habe und so nah am Abgrund vorbei.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und über den Alkoholismus, das waren ja alles Ventile für mich,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mich nicht mit mir selber auseinanderzusetzen. Aber ich habe das getan über

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Jahre und ich bin heute über die Klippe hinweg und bin zufrieden mit mir.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wenn ich das den Spiegel Menschen vorhalte, das tut weh.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich weiß, was für eine Arbeit das für mich selber war. Und dann ist es einfacher

Janboris Ann-Kathrin Rätz: für diese Menschen, mich zu hassen, statt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Jesus hat gesagt, liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das setzt voraus, dass du dich erst mal selbst liebst, bevor du deinen Nächsten

Janboris Ann-Kathrin Rätz: lieben kannst. und ich glaube, da liegt ganz viel der Hase im Pfeffer,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass diese Leute nicht in der Lage sind, sich selbst zu lieben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich kann das heute. Ich kann heute mit gutem Gewissen von mir selbst sagen, I love me.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich finde das toll, ich finde das schön. Muss niemand anders, aber ich finde es toll.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist eine Stärke, eine Größe, die ich habe. Die habe ich mir erarbeitet.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber das macht anderen Angst und es zeigt vor allen anderen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt eine Alternative zu dem, was du an Alternative gefunden hast.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Du kannst, wenn du möchtest, frei und selbstbestimmt leben. Oder du lässt es.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und damit lege ich den Menschen den Finger in die Wunde. Und dann werde ich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zum Problem gemacht und nicht die Wunde.

Simi Will: Na klar, stellvertretend. Stellvertreter, Krieg sozusagen.

Simi Will: Du machst aber, weiß ich auch, was du tust, was für Emanzipationsarbeit.

Simi Will: Hast du nicht auch was mit Schulen gemacht?

Simi Will: Weil das finde ich fantastisch, weil ich ja selber auch an der Schule arbeite

Simi Will: und wir können ja Gesellschaft und Demokratie eigentlich nur stark machen mit den jungen Leuten.

Simi Will: Und was machst du da? Ich weiß, ich habe irgendwann mal was gesehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ich kürze erst mal ganz kurz die Geschichte ab.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich arbeite heute nicht mehr für den SWR, weil ich gekündigt habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil das war nicht mehr schön, die Situation.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich hatte das Gefühl, ich gehe wie auf rohen Eiern durch den Sender und es war

Janboris Ann-Kathrin Rätz: für mich eine so belastende Situation, dass meine Hausärztin gesagt hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das macht sie krank, sie müssen da raus und dann habe ich auf medizinischen Rat hin gekündigt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann musste ich natürlich überlegen, ja was mache ich denn dann?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wie verdiene ich denn meine Brötchen oder wie bezahle ich meine Liete und so?

Simi Will: Was hast du denn gelernt?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe tatsächlich Mediengestaltung, Bild und Ton gelernt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Diesen Ausbildungsberuf habe ich irgendwann mal gemacht und habe quasi hinter

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der Kamera Schnitt, Ton, Studiokameras, so Sachen gemacht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann bin ich irgendwie, ich habe in Brüssel damals gelebt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil ich niederländisch und französisch fließend spreche und in den Redaktionen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in denen ich gearbeitet habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die RedakteurInnen konnten nicht so gut französisch und niederländisch,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann haben die mich gebeten, kannst du da anrufen auf französisch oder auf niederländisch.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und so bin ich in die Redaktion gerutscht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und irgendwie auch vor die Kamera, weil man relativ schnell festgestellt hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: okay, ich kann das vor einer Kamera offensichtlich ganz gut.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber das habe ich gelernt. Und dann, als ich gekündigt hatte,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: war für mich die Frage, was mache ich denn jetzt beruflich?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich habe drei Standbeine, die ich heute mache. Das eine ist diese Kleinkunst,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die du auch gesehen hast mit diesem Fummeltrien-Abend.

Simi Will: Der ja keiner war.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Der ja keiner war. Aber ich mag das Wort. Ich liebe es. Ich werde es so branden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich brauche ein T-Shirt. Da steht Fummeltrine drauf. Das ist ein Ast, diese Kleinkunst.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da verdiene ich ein bisschen Geld mit. Davon könnte ich nicht alleine leben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber ein bisschen Geld verdiene ich damit.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dann mache ich Moderationsjobs, also Event-Hosting.

Simi Will: Wie letztens am Stadttheater zu Trier.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, genau.

Simi Will: In einem Traum in Rosa. Das war so ein toller Verhalten. Ja,

Simi Will: das war schön. So ein schöner Abend, ja.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das in Trier, die Crème de la Crème des europäischen zeitgenössischen Tanzes

Janboris Ann-Kathrin Rätz: eingeladen zu haben. Das war, können wir gleich auch nochmal drüber reden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also da habe ich diese Veranstaltung moderiert, Podiumsdiskussionen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da verdiene ich auch am meisten Geld mit, wenn ich dafür eingekauft werde.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das dritte Standbein sind Workshops. Da geht es um Vielfalt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da geht es um Geschlechterrollen, da geht es um...

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Diversity und Ismen, also alles Mögliche, Sexismus, Rassismus,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Fremdenfeindlichkeit, Behindertenfeindlichkeit, also alle möglichen Facetten.

Simi Will: Das heißt, ich kann dich, wenn ich jetzt die Bf1er Klassenlehrerinnen begeistern

Simi Will: kann, wir haben Demokratiewoche oder Projektwoche,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Kann ich sagen. Ja, es ist nicht nur Schulen. Ich gehe damit auch in Unternehmen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und in Bildungseinrichtungen, in Firmen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich gehe gerne in Schulen, weil ich das Gefühl habe, mit Kindern und mit Jugendlichen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: auch nochmal auf einem anderen Level arbeiten zu können.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Je nachdem, wie alt die Kinder sind. Am schönsten ist es eigentlich so sechste,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: siebte Klasse, wenn bei denen die Scham noch nicht eingezogen ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es verändert sich dann, wenn die Scham eingezogen, Einzug gehalten hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: verändern sich auch Mechanismen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dann plötzlich sitzen die Jungs und die Mädchen getrennt, also die von mir männlich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und weiblich gelesenen Personen sitzen dann getrennt, sehen alle mehr oder weniger

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gleich aus, haben alle dieselbe Friese, die Jungs dieselben Klamotten,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Mädels dieselben Klamotten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber auch die Arbeit finde ich gut. Obwohl gerade hier in der Eifel bin ich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: seit ein paar Jahren regelmäßig in Daunen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da ist auch schwierig geworden, muss ich sagen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die letzten Kurs, den ich gemacht habe, da haben die Kinder,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: also die Jugendlichen, die haben die Zähne nicht auseinander gekriegt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich hatte das Gefühl, sie wollen sie nicht auseinander kriegen.

Simi Will: Also aus meiner Erfahrung kann ich sagen, viele trauen sich gar nicht. Sie sind ganz unmutig.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich glaube, das ist auch da, Weißt du, mit Lookmaxing und mit einem Konservatismus,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der bei TikTok auch stattfindet und Treadwives und irgendwie,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: du, ein Junge muss sich den Kiefer brechen, um dann irgendwie auf eine bestimmte

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Art und Weise männlich auszuzählen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das denke ich mir gerade nicht aus. Das gucken sich Kinder im Internet an, solche Sachen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da findet auch eine Reh-Konferenz.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Konservatisierung statt von Kindern und Jugendlichen, dass du einem bestimmten

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Bild männlich und weiblich entsprechen musst, wo eine ganz klare Ideologie dahinter steckt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und sich da auseinanderzusetzen ist schwierig.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es war zum Beispiel beim letzten Mal, dass ich in Down war, fünf Kinder haben

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sich kurz vor dem Kurs krank gemeldet.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nee, kam nicht. Und da kann ich jetzt natürlich nicht sagen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die sind wegen mir nicht gekommen, aber der Verdacht liegt schon sehr nahe.

Simi Will: Oder dass Eltern gesagt haben, diesen Mann da mit den komischen Haaren oder was. Die Tunte, das ist,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und in was für Schubladen man da dann direkt irgendwie mit reingesteckt wird,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in die allerübelsten mit Pädophilievorwerfen, Vorwürfen und so Sachen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weißt du, es ist ja, ich bin ja, ich werde als Gefahr für Kinder und für Jugendliche

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dargestellt und das ist nicht cool.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, aber in diesen Zeiten leben wir und das ist, wenn Menschen wie ich davor

Janboris Ann-Kathrin Rätz: warnen, was in bestimmten Teilen unserer Gesellschaft vor sich geht und dass

Janboris Ann-Kathrin Rätz: eine bestimmte Partei da ganz klar Stimmung und Wind macht, dann haben wir Gründe dafür.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist nicht, wir ziehen uns das nicht irgendwie aus den Haaren oder aus dem

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Lameng heraus, sagen wir, ach ja, sind wir jetzt heute mal gegen die AfD.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es wird gezielt gearbeitet gegen trans-, inter- und nicht-binäre Personen und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: diese Personen sind keine Gefahr für die Gesellschaft, diese Personen sind in Gefahr.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das sagen wir als Community, als queere Community, weil wir das nicht zum

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ersten Mal erleben, dass das mit uns passiert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir sind schon in der Vergangenheit klein gemacht worden und klein gehalten worden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Was die Nazis mit queeren Menschen gemacht haben, mit schwulen Männern gemacht

Janboris Ann-Kathrin Rätz: haben, mit Transpersonen gemacht haben, mit lesbischen Frauen gemacht haben, ist kein Spaß.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und in der Bundesrepublik sind diese Menschen meistens direkt aus den Konzentrationslagern

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in die bundesdeutschen Gefängnisse überführt worden.

Simi Will: Weil ja auch in den Führungspositionen dieselben Wichser weitergemacht haben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber in anderen Bereichen hat das eben nicht stattgefunden. Es sind nicht Menschen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: jüdischen Glaubens aus den KZs in die Gefängnisse gekommen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Homosexuelle Männer sind in die bundesrepublikanischen Gefängnisse gekommen.

Simi Will: Was mich super geschockt hat, nochmal ganz kurz zu dem

Simi Will: Berlin-Schwule-Community, alle sind modern, zurück Mitte der 90er Jahre,

Simi Will: da hatte ich Rosa von Braunheim zu Gast in meinem Talk in der Raucherkneipe

Simi Will: und Rosa ging mir tierisch auf den Sack.

Simi Will: Dadurch ist mir klar geworden, weil Rosa immer ich, ich, ich,

Simi Will: ich, ich, ich, ich und so.

Simi Will: Aber ich habe seine Biografie gelesen, um mich vorzubereiten.

Simi Will: Und das war ein super toll und super spannendes Buch.

Simi Will: Und da, seit dem Moment weiß ich erst, dass dieser 175er Paragraf erst 96 oder 94

Simi Will: abgeschafft, zwar nicht mehr ernst genommen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Er wurde nicht mehr angewendet. Ab den 70er Jahren wurde er nicht wirklich mehr

Janboris Ann-Kathrin Rätz: strafrechtlich angewendet, aber er war da.

Simi Will: Aber es stimmt, dass das noch im Gesetzbuch stand überhaupt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt übrigens noch was, was immer noch im Gesetzbuch steht.

Simi Will: Vergewaltigung in der Ehe.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da gibt es eine Person, die unter Umständen heute Bundeskanzler sein könnte

Janboris Ann-Kathrin Rätz: von diesem Land, die da damals nicht dafür gestimmt hat. Aber lassen wir das.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das Sittengesetz steht immer noch in dem Grundgesetz und in der Landesverfassung

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in der rheinland-pfälzischen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das steht da, dass die Persönlichkeit, du musst frei deine Persönlichkeit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: entfalten können, steht sowohl im Grundgesetz als auch in der Landesverfassung,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: solange es sich in den Regeln des Sittengesetzes bewegt.

Simi Will: Was ist denn das Sittengesetz?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja eben, das ist nicht definiert. Und das ist auch das.

Simi Will: Was... Wenn ja jeder kommen und sagen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Was Sitte ist. Eben, eben. Und die CDU weigert sich ja seit Jahren,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das zu ändern und das aus der Landesverfassung rauszustreichen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aus Gründen, sollten wir fragen, warum sie das nicht will. Das öffnet Tür und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Tor für irgendeine künftige Regierung zu sagen, und was ist das Sittengesetz?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt in den 50er Jahren, gab es einen Unteil des Bundesverfassungsgerichtes,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das gesagt hat, das sind die christlichen Kirchen, die die Werte festlegen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: daraus ergibt sich das Sittengesetz.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber in einer Gesellschaft, in der weniger als 50 Prozent noch Mitglied in christlichen Kirchen sind,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dieses Sittengesetz Passus öffnet für künftige Regierungen, und ich male jetzt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ein sehr schwarzes Bild an den Horizont, Tür und Tor zu entscheiden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: du hast Menschenwürde verdient und du hast sie nicht verdient.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und davor graut mir.

Simi Will: Ich merke, dass ich immer wieder, schon im Vorfeld dachte ich,

Simi Will: das wird bestimmt politisch heute mit dir.

Simi Will: Aber man kann nicht umhin. Es ist alles politisch heute.

Simi Will: Und ich finde jetzt, also nochmal zurück, ich mag mich. Und seit ich mich persönlich mag.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und schon das ist politisch.

Simi Will: Ja, und plötzlich ist mir aber auch die Freiheit so wichtig.

Simi Will: Also es war mir immer wichtig, aber das ist mir noch viel wichtiger geworden.

Simi Will: Und dieses Einschnürende, was jetzt passiert, dieses Regressive,

Simi Will: also ein Schritt vor, zwei Schritte zurück,

Simi Will: dieser Rollback, der unfassbar auch die Jugend ergriffen hat,

Simi Will: muss ich das mal so als alte Frau von mir geben,

Simi Will: Das macht mich fassungslos.

Simi Will: Dass damals zum Beispiel, als das erste Mal Trump gewählt wurde,

Simi Will: vergesse ich nie, saß ich mit einer Philosophin in meinem Talk,

Simi Will: Raucherkneipe in Berlin

Simi Will: und wir haben also darüber gesprochen, das war noch vor Wahlkampf,

Simi Will: das wird niemals passieren, das sagte sie.

Simi Will: Und sie ist wirklich, Susan Nyman ist eine Philosophin, hochkarätig gedönsratsmäßig

Simi Will: in Amerika, amerikanische Jüdin, die gesagt hat, niemals, ich unterstütze,

Simi Will: sie hat damals Bernie Sanders unterstützt und war so ganz froh gemut.

Simi Will: Und Obama war dran und jetzt geht es weiter. Als nächstes kommt eine weiblich gelesene Präsidentin.

Simi Will: Dann kommt eine im Rollstuhl sitzende, asiatisch gelesene Person.

Simi Will: Aber nee, genau das andere ist ja, es kommt nach gefühlt, nach jeder Modernität,

Simi Will: kommen wieder alle und wollen Ordnung schaffen.

Simi Will: Also vermeintlich und wollen aufräumen mit Modernität oder wollen zurück zu

Simi Will: einer, früher war alles besser, vermeintlich, wie auch immer.

Simi Will: Und jetzt haben wir die digitale Revolution dazwischen und 1925.

Simi Will: 2020 war es die Weimarer Verfassung.

Simi Will: Und es ist genau das Gleiche, als ob Gesellschaften nicht lernfähig sind.

Simi Will: Ich weiß nicht, was es ist. Oder ganz oft

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Vieles mit dem... Das Verbindende Element, bei dem du gerade sagst,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist immer, dass es eine sehr freiheitlich geprägte Gesellschaft war und dass einer bestimmten Form,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: von Männlichkeit, wollte ich jetzt sagen, aber ich lasse jetzt mal das Geschlecht

Janboris Ann-Kathrin Rätz: auch raus, einer bestimmten Bevölkerungsgruppe ein Dorn im Auge ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Eine Bevölkerung darf nicht zu freiheitlich sein. Das muss einkassiert werden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und auch das Gefühl habe ich heute wieder.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Menschen wie ich, die etwas leben, das sich Freiheit nennt, das darf es nicht geben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Der Deckel muss drauf gehalten werden.

Simi Will: Oder es muss

Simi Will: institutionalisiert werden, dass man sich immer noch freiheitlich schimpfen darf. Guck mal hier.

Simi Will: Aber alles in einem Rahmen gepresst, der dann wieder kompatibel ist oder als

Simi Will: Produkt verkaufbar wird. Dann geht es wieder.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber hey, eigentlich ist das ja auch nicht erst seit gestern so,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sondern im Grundgesetz, und das gibt es jetzt seit mehr als 75 Jahren,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: seit fast 80 Jahren, glaube ich, da steht drin, dass niemand wegen seines Geschlechtes

Janboris Ann-Kathrin Rätz: benachteiligt werden darf.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und also wie viel Prozent verdienen Frauen im Schnitt weniger als Männer?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Immer noch, weißt du? Und es steht im Grundgesetz drin, dass das nicht sein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: darf und trotzdem ist es so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und mein Vorschlag an der Stelle wäre, lass uns doch mal Matriarchat ausprobieren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist die einzige Form auf der Welt, die wir noch nie ausprobiert haben.

Simi Will: Also zumindest nicht im großen Stil. Nicht in der westlichen Hemisphäre.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das fände ich mal interessant. Und ich würde mich mal vorsichtig aus dem Fenster

Janboris Ann-Kathrin Rätz: lehnen und sagen, der Kapitalismus, wie wir ihn heute kennen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist wahrscheinlich nicht die Form, die ein Matriarchat wählen würde.

Simi Will: Never ever.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber jetzt wird es auch sehr politisch. Aber das wäre mein Vorschlag.

Simi Will: Aber gut, kommen wir nochmal zurück zu dir als Person. Ja.

Simi Will: So, Jan Boris. Wann ging das los, dass Jan Boris gesagt hat,

Simi Will: ich will das nicht und ich will das nicht und ich bin nicht binär und dies und das?

Simi Will: Wie alt warst du da und was ist vielleicht eine spießige Frage,

Simi Will: aber es interessiert mich tatsächlich nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist ja tatsächlich was, was auch in mir sehr gereift hat und über viele Jahrzehnte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nicht binär ist ein Wort, das habe ich sehr spät erst kennengelernt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Kennengelernt und das war für mich ein Moment, dass ich gedacht habe, und das ist es.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das gibt dem, was ich innerlich fühle, endlich so ein Wort. Ich war so stumm

Janboris Ann-Kathrin Rätz: an der Stelle. Ich hatte das Gefühl, ich weiß, was ist, was ist,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber ich kann es nicht benennen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist, wo wir vorhin darüber gesprochen haben in den 80er Jahren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir hatten ja nichts, wir hatten ja auch keine Informationen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich hatte ein Gefühl, aber ich hatte keine Worte und das, was Erwachsene,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: also meine Eltern, meine Großeltern,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Lehrkräfte in der Ausbildung, was Erwachsene zu mir gesagt haben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: habe ich halt auch erst mal so geglaubt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das Gefühl habe ich, glaube ich, seit ich denken kann, dass ich in diese Richtung

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gehe, in der ich mich heute bewege.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt so ein paar Anknüpfungspunkte, an die ich mich auch noch erinnere.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ein Bild, was meine Oma von mir gemacht hat, da war ich vielleicht vier oder fünf.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das habe ich heute noch, hängt eingerahmt in meinem Wohnzimmer.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da habe ich einen Rock an, eine Bluse an, also eine Schleife im Haar.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das hat meine Oma mir angezogen offensichtlich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und sie hat sie handschriftlich darunter geschrieben, wer ist dieses Mädel?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das Bemerkenswerte an dem Bild ist, wie ich strahle auf diesem Bild.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich bin überglücklich in diesem Moment. Das ist, und vielleicht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil ich die Kleidung anhatte, die sie mir angezogen hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt ein Foto von mir so und sonst kein einziges weiteres.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wahrscheinlich, weil irgendjemand in der Familie gesagt hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mach das besser nicht, weil dann wird das Kind irgendwas, was es nicht sein soll.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wahrscheinlich ist auch direkt das Wort schwul damit einhergegangen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und nochmal, ich war vier oder fünf. Ich hatte mit Sexualität überhaupt nichts

Janboris Ann-Kathrin Rätz: am Hut. So viel zum Thema, wer sexualisiert eigentlich wen in diesem Game.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weißt du, ich war ein Kind, das einen Rock anhatte und glücklich war.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich war nicht schwul mit vier oder fünf.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die Sexualität, die dann später dazu kam, war für mich erst mal sowas,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wo ich gedacht habe, ach so, deswegen, Der Name, den ich dem erst mal gegeben

Janboris Ann-Kathrin Rätz: habe, war schwul oder homosexuell.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil ich gedacht habe, das gibt dem, was ich fühle, dann so einen Rahmen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und bin dann aber in Köln Ende der 90er Jahre in so einer sehr männerdominierten

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Szene auf oberkörperfrei tanzende Männlichkeit gestoßen mit 99% in Man-Only-Clubs.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe mich überhaupt nicht wohl gefühlt, habe aber so getan, als sei es das.

Simi Will: Und die Kölner Schwul-Männer-Szene ist sehr männerlastig und sehr separiert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Immer noch.

Simi Will: Und ich habe immer gesagt, die sehen alle geklont aus.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich war da drin und ich bin, glaube ich, auch sehr queerfeindlich damals

Janboris Ann-Kathrin Rätz: durchs Leben gegangen, weil ich auch alles an mir zu dem Zeitpunkt damals,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was auch nur ansatzweise feminin war,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: verurteilt habe, gehasst habe, selber an mir abgelehnt habe und versucht habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mich so männlich wie möglich zu präsentieren, weil ich gemerkt habe, Und das funktioniert.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dafür kriege ich Aufmerksamkeit, dafür werde ich anerkannt und so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: In einem beruflichen Kontext, aber natürlich auch in so einem Club,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Flirty, mit einer Männlichkeit war eine gewisse Fuckability,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: um es mal ganz klar auszudrücken.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dass ich dann,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwas ist und ich bin eine Depressionspatientin, ich bin in meinem Leben

Janboris Ann-Kathrin Rätz: immer wieder in depressiven Phasen gewesen und dann zur Corona-Zeit auch in

Janboris Ann-Kathrin Rätz: einer sehr starken Depressionsphase.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil ich das Ganze immer mit Alkohol geklärt habe. Ich habe für mich dieses

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Gefühl, dass ich nicht fühlen darf, mit Alkohol betäubt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist etwas, was ich aus der Familie gelernt habe. Das haben mir meine

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Großeltern, meine Eltern so beigebracht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Meine Mutter hat literally zu mir gesagt, die war auch starke Alkoholikerin,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: als ich sie gefragt habe, warum trinkst du denn so viel, damit ich das,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was ich fühle, nicht fühlen muss.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist literally das, was ich auch gefühlt habe. Und ich saß in der Corona-Zeit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwann mal zu Hause und ich habe die dritte Flasche Wein aufgemacht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich alleine, und dachte, ich mache genau dasselbe wie meine Eltern.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich mache über genau dieselben Mechanismen, löse ich meine Probleme.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich mache so Anführungszeichen gerade mit den Fingern.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die, hör auf damit, ich muss mich jetzt mal hinsetzen und auseinandersetzen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das Loch kam dann danach. Also ich kann jetzt auch nicht allen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die zuhören, empfehlen, hört zwei, drei, vier mit dem Alkohol auf oder den Mechanismen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: den Mustern, die ihr euch aufgebaut habt, die euer Schutzschild sind.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil wenn das weg ist, bist du erstmal sehr nackt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann fing ich an, mir das aufzubauen, was ich heute habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Worte, die ich habe, mich zu informieren, zu gucken.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe Gott sei Dank eine tolle Therapeutin gefunden, mit der ich sehr intensiv

Janboris Ann-Kathrin Rätz: an mir arbeiten konnte, mit der ich die transgenerationalen Muster sehr stark aufarbeiten konnte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist jetzt eine sehr lange Antwort auf deine Frage, aber das umreißt es vielleicht so ein bisschen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das Gefühl war immer da. Dann kamen Erwachsene dazu, die mir sagten, das kann nicht sein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das habe ich geglaubt und das dann wieder für mich zurück zu mir zu finden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: war ein jahrzehntelanger Arbeitsweg.

Simi Will: Das glaube ich.

Simi Will: Aber

Simi Will: ich habe ähnliche Ideen gehabt,

Simi Will: mich zu finden, jetzt in anderen Kontexten. Also einfach positive Einstellungen

Simi Will: zu einem selbst zu bekommen.

Simi Will: Einfach da zu sein, das bin ich und das finde ich auch gut so.

Simi Will: Mehr ist es ja nicht. Also das ist für mich alles. Es ist für mich alles,

Simi Will: dass ich das erreicht habe. Ich kann morgen tot umfallen und kann sagen, ja, ich habe es gehabt.

Simi Will: Ich war, hätte auch, es gibt Menschen, die haben das nie.

Simi Will: So, und ich auch Depression und auch Alkohol.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Gab es da für dich so einen Initialzündungsmoment?

Simi Will: Der Moment, wo ich aufgehört habe, Alkohol zu trinken.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dafür gab es noch nicht, oder gab es dafür auch einen Grund?

Simi Will: Ja, ich habe halt irgendwie, ich habe mich halt gehasst im Suff irgendwann.

Simi Will: Ich habe zudem, ich habe es nicht mehr vertragen.

Simi Will: Ich war immer die Letzte, die noch einen Ratschlägen gegeben hat,

Simi Will: was im Alkohol dann, Lebensweisheiten rausgehauen und immer noch am Monologisieren

Simi Will: bis morgens um sieben, bis ich irgendwann Blackouts hatte.

Simi Will: Also richtig, mir fehlten zwei Tage. Und ich habe gesagt, was ist denn das?

Simi Will: Und dieser Kontrollverlust hat mich so krass geschockt, weil das immer wieder

Simi Will: passierte, dass ich gesagt habe, ich darf nichts mehr trinken.

Simi Will: Und ich einfach so, weil ich will Kontrolle haben. Ich bin eigentlich ein Control-Freak.

Simi Will: Und ich musste erst wieder zurück zur Kontrolle, um jetzt wieder die Kontrolle aufgeben zu können.

Simi Will: Jetzt ist mir, ist nicht hundertprozentig, ist nicht richtig, egal.

Simi Will: Und diese Freiheit hatte ich früher gar nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich frage deswegen, weil bei mir waren es die Krankheiten meiner Eltern und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann auch meine Eltern sind beide, leben beide nicht mehr, dass die auch gestorben

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sind. Aber es war eigentlich so dieser Krankheitsprozess oder diesen Zerfall

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dieser beiden Menschen zu sehen, die beide starke Alkoholiker waren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und beide am Ende ihres Lebens sehr darüber gejammert haben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was sie alles nicht gemacht haben im Leben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das war für mich so ein Initialmoment, dass ich gedacht habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und zumindest kann ich es probieren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich weiß nicht, ob ich das alles schaffe, was ich gerne machen möchte in meinem

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Leben, aber ich kann es probieren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich fange mal damit an, die Person zu sein, die ich bin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das mache ich ja nur für mich erst mal so.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich merke, wo ich denke, oh cool, der Weg ist ja gar nicht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich breche ja gar nicht sofort ein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich kann ja die Schritte, das fühlt sich ja sicher an für mich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und da gehe ich jetzt mal den Weg und gucke, wo ich rauskomme.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und so wie du gerade schön gesagt hast, wenn morgen auf der Straße mich ein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Bus überfährt, bin ich fein damit.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe keine Angst vor dem Tod, weil ich glaube, ich das tue in meinem Leben, was ich möchte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das habe ich über viele Jahrzehnte, und weißt du, wir reden über eine tolle

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Karriere mit Fernsehen und vor der Kamera.

Simi Will: Stehen und allem,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber ich habe das über viele Jahrzehnte versucht, eine Erwartung zu erfüllen. And that's what I did.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Meine Fresse war im Fernsehen. Weißt du, nicht jemand, ich habe allen bewiesen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich bin das flamboyante Kind und ich bin too much oder nicht gut genug,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber mein Gesicht ist im Fernsehen, deins nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Heute denke ich, ich will gar nicht mehr diesen Kampf haben müssen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass ich irgendwelchen Leuten irgendwas beweisen muss. Und es fühlt sich für mich so gut an.

Simi Will: Es ist aber, ich merke auch immer wieder, ich muss immer drauf aufpassen auch.

Simi Will: Weil in schwachen Phasen, ich bin ja auf das gute Gefühl, ich muss das schützen,

Simi Will: weil schnell irgendwelche alten Piekser nochmal wieder aufploppen.

Simi Will: Und wenn ich das nicht merke, weil ich gerade keine starke Zeit habe,

Simi Will: das gibt es ja nach wie vor. Also ich bin ja nicht immer auf 100 Prozent,

Simi Will: ich liebe mich selber die ganze Zeit rund um die Uhr.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nee, ich auch nicht.

Simi Will: Das ist ja nicht, aber es ist so ein Urvertrauen, was ich nicht hatte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das nicht Alkohol vernebelt bei mir. Ich kann mich viel stärker auf mein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Bauchgefühl verlassen. Ich habe natürlich heute auch immer noch,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da bin ich mal wütend oder sauer oder schlecht gelaunt an einem Tag.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich lasse das Gefühl aber zu. Und ich spüre das und ich denke,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: jo, ich drücke das jetzt nicht sofort weg, wie ich es gelernt habe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sondern ich lasse das jetzt erstmal zu.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und in einem gewissen Maß ist ja auch Wut oder sauer sein oder traurig sein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: oder, weiß ich nicht, schlecht gelaunt sein. Ja, okay.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Nur was man mir beigebracht hat, war, friss das bitte so lang in dich rein und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: erst wenn das Fass wirklich so voll ist, dann darfst du ausrasten,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann halten dich alle für komplett plem plem.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber das ist dann okay. Es ist auch so ein Tabu, dass Menschen das nicht zugeben oder nicht sagen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich überhaupt das Gefühl habe, bei vielen Themen, ob es jetzt eine Transgeschlechtlichkeit

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist oder eine Homosexualität oder eine Depressionsgeschichte,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Suizidgedanken, Alkoholismus sind alles so Themen, da reden wir nicht drüber.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich glaube, der Grundgedanke ist, dass ich diese Art Aufklärungsarbeit mache,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist, um Leuten zu zeigen, hey, es gibt eine Alternative, es gibt eine andere

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Möglichkeit, durchs Leben zu gehen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und wegen mir muss niemand jetzt transgeschlechtlich durchs Leben gehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir werden auch immer die Minderheit bleiben, wage ich mal zu prophezeien.

Simi Will: Du willst nicht die Weltherrschaft.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich glaube, die Trans-Weltherrschaft wird es nicht. Obwohl ich mir eine Trans-Präsidentin,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: im White House auch ganz gut vorstellen könnte.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber ich glaube, dass es so ähnlich sein wird wie bei Menschen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die mit links schreiben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das hat man ja auch über Jahrzehnte, hat man Kinder dahin geprügelt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass sie mit rechts schreiben müssen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wenn sie selbst mit links... Und dann hat man irgendwann gesagt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: okay, das ist okay. Und dann 11%, 15% der Menschen schreiben mit links.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also die Mehrheit schreibt mit rechts, Aber das kommt gerade aus den Untiefen meines Hirns.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich glaube, so ist es mit Transgeschlechtlichkeit auch. Wir müssen das gesellschaftlich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zulassen und dann werden Menschen frei sagen, okay, ich bin eine Transperson,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und das werden dann irgendwas, weiß ich nicht, zwei, fünf, vielleicht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weiß ich nicht, Prozent der Bevölkerung sein, also wirklich eine Minderheit bleiben.

Simi Will: Ja, aber was, ne?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber der Umgang einer Gesellschaft zeigt sich, der Zustand einer Gesellschaft

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zeigt sich immer am Umgang mit seinen Minderheiten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wir tun gerade so, als geht es nur darum, wie wir mit der Mehrheit umgehen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, die Belange der Mehrheit sind auch wichtig, aber der Zustand einer Gesellschaft

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zeigt sich immer am Umgang mit den Minderheiten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: In meinen Anfangsjahren in Brüssel, da war Gerhard Schröder schon Bundeskanzler,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber es wurde immer erzählt, wie Helmut Kohl sich bei den EU-Gipfeln verhalten hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und er hat immer geguckt, und ich habe nicht viel mit der CDU zu tun, gucke mich nicht so an.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber er hat wohl immer geguckt, wenn es einen Streit gab in der EU,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was sagen die kleinen Länder? Er ist zu Luxemburg gegangen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weißt du, was ich damit meine? Wir gucken erst mal auf die Kleinen und fragen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wie es denen geht und wir hören denen zu. Das würde ich mir heute auch wieder

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wünschen, auch von einer konservativeren Richtung.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hört doch den Menschen aus der Minderheit zumindest mal zu.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe nicht den Anspruch, dass jetzt alle so sein müssen wie ich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber wenn ich sage, hallo, ich habe auch was zu sagen, möchte ich zumindest, dass man mir zuhört.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das Gleiche gilt für eine schwarze Frau oder ein Mensch im Rollstuhl oder eine Frau mit Kopftuch.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir tun gerade so, als wäre das nicht wichtig. Und es ist wichtig.

Simi Will: Natürlich, vor allen Dingen denke ich manchmal, wie sind mehr Minderheiten,

Simi Will: wenn man alle Minderheiten zusammenzieht, sind das ja mehr Minderheiten als Stinopersonen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber wer hat die Milliarden auf dem Konto?

Simi Will: Ja, ach, das ist echt, das ist schon krass.

Simi Will: Wobei, es gibt ja auch so, ich muss immer an Neukölln denken,

Simi Will: wo alle sich die Riesendiskussion hatten, Neukölln, Multikulti und was es alles gab.

Simi Will: Und Buschkowski, der Bürgermeister von Neukölln, der ist ja Nazi.

Simi Will: Yuskowski war ein alter weißer Mann, ja, und er war total konservativ,

Simi Will: aber er war ein ganz toller Bürgermeister in Neukölln, weil er seinen Bezirk kannte.

Simi Will: Er wusste, so und so viel türkische Mitbürger hatte, so und so viel arabische.

Simi Will: Er wusste, dass die arabische Community sich mit der türkischen Community streitet,

Simi Will: befreitet, dass es wichtig ist, dass da jeder seins bekommt

Simi Will: oder damit umzugehen und hat dann auch irgendwelche Sachen ganz klar benannt und dann rassist.

Simi Will: Darum ging es aber gar nicht. Es ging um zum Beispiel auch Chancengleichheit

Simi Will: zu gestalten, die ja nicht von vornherein da ist und sowas alles.

Simi Will: Und das muss manchmal so, wenn du Helmut Kohl hier zitierst,

Simi Will: möchte ich doch mal Buschkowski aus Neukölln zitieren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Lass uns doch ein bisschen über Trier sprechen.

Simi Will: So, ganz genau.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Warum nehme ich Trier so als die Insel der Glückseligen wahr?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ist das ein romantisches, verklärtes Bild, das ich in meinem Kopf habe?

Simi Will: Ich sage ja. Du sagst, das ist... Nein, aber wenn das dein Bild ist,

Simi Will: klär mich auf. Wie ist es entstanden? Das ist ja interessant.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wie ist es entstanden? Also ich sage, es ist das Spaghetti-Eis vom Christis

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Eisdiele. Ich finde, das ist das weltbeste Spaghetti-Eis, wo es auf der ganzen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Welt gibt. Wenn ihr mal in Trier seid am Dom, die Eisdiele, die Größe gehen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: raus. und das ist unbezahlte Reklame.

Simi Will: Das ist in der Sternstraße, diese Eisdiele, wo immer die Schlange steht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Toll! So lecker!

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dann ist es für mich das Katz-Theater mit Katharina Kasper, mit Tanja Finnemann,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: diese Art von Community Theater, würde ich es jetzt mal nennen, wie es auch immer.

Simi Will: Das schon zu meiner Zeit in den 80ern.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber wie wichtig ist, was einen wichtigen Stellenwert hat, ich nehme mal das

Janboris Ann-Kathrin Rätz: jetzt aus meiner queeren Perspektive des Schmitz, die hier eine unglaubliche,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: queere Arbeit leisten mit dem Queergarten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die organisieren den CSD, den Christopher Street Day, die organisieren die Rosa

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Fasnacht, also den Rosa Karneval, wo ich weiß.

Simi Will: Immer ausgebucht hier, immer ausgebucht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wo ich weiß, dass viele heterosexuelle Frauen da auch gerne hingehen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil sie da in Ruhe feiern können.

Simi Will: Die ganze Schule, die ganzen Weiber, bist du mit dabei, sag ich, ich hasse Karneval.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So ein I love it.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Was fällt mir noch ein? Michael Thielen, der Fotograf, der hier diese tollen Bilder, egal wo ich bin,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit dem Bart, der wirklich ein ganz tolles Auge hat für Bilder und diese Stadt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwie so in Szene, in so ein Licht rückt, das ist für mich alles Trier.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Roberto und Tanja Scafatti, vom Tanzdirektor, was die da bei dem Abend,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wo du neulich auch warst, wo ich in diesem Traum aus Lila war,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass die da die Tanzwelt so nach Trier einladen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist für mich, ich nehme Trier immer auf so eine sehr, sehr,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sehr, sehr positive Art und Weise war. Ist es so oder ist es nicht so?

Simi Will: Es ist so. Musst du das jetzt sagen? Nein, ich habe lange gebraucht.

Simi Will: Ich bin hier durch die Stadt auf der Suche nach dem dazwischen unterwegs gewesen.

Simi Will: 30 Jahre Berlin, ich habe erstmal geheult hier. Ich habe gesagt,

Simi Will: was habe ich gemacht? Scheiße, ich bin wegen meiner Eltern zurückgekommen.

Simi Will: Was mache ich jetzt hier? Wie furchtbar. Und hier hat sich ja nichts verändert.

Simi Will: Und das hat ewig gedauert. Und jetzt merke ich so, ich habe meinen Platz hier gefunden.

Simi Will: Auch mit meinem Podcast und auch die Unterstützung, die mir zuteil wird von Trier mittlerweile.

Simi Will: Buh, buh, Grüße gehen raus. An, nö, nö, fix. So, wirklich, ich mag unseren Kulturdezernenten riesig.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, den mag ich auch sehr gern.

Simi Will: Und da waren auch am Anfang alle, ja, der macht ja nichts, der steht nur Bildmitte.

Simi Will: Immer so floskeln. Das nervt mich allerdings ein bisschen.

Simi Will: Generell an Lokalitätsprinzip-Geschichten, an kleineren Städten,

Simi Will: wo man denkt, man kennt die Person oder man weiß, was die macht.

Simi Will: Und das wissen die meisten aber gar nicht, weil das ist ein ganz toller Kulturdezernent.

Simi Will: Und der ist bei jedem Hühnchenzüchterverein, der ist aber auch bei den Tanzern, der ist überall.

Simi Will: Es ist Wahnsinn und er ist einfach ein Humanist und ein prima,

Simi Will: prima, prima Kulturdezernent.

Simi Will: Und wenn der nicht wäre, würde diese Stadt in die Röhre schauen,

Simi Will: weil dann würde es nur um Touristik gehen.

Simi Will: Geht es auch, ist natürlich eine Ressource. Römerstadt, Touristen,

Simi Will: alles klar, nachvollziehbar.

Simi Will: Aber es darf nicht ausschließlich darum gehen.

Simi Will: Es muss auch ein Underground, es muss ein Dazwischen geben, es muss eine Förderung

Simi Will: geben für kleine Projekte. Und die gibt es, die gibt es.

Simi Will: Wird ja oft geschimpft, gäbe es nicht, die gibt es und die ist nicht wenig.

Simi Will: Also die sind sehr unterstützend.

Simi Will: Europäische Kunstakademie ist auch für mich da, macht ihre Türen auf,

Simi Will: wenn ich sage, ich möchte gerne Demokratie- und Schönheitssendungen machen.

Simi Will: So, ja, komm, wir gucken, wo was frei ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So.

Simi Will: Also das ist wunderbar, wunderbar, wunderbar.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ist es die Kultur, die am Schluss so alles zusammenhält für dich in der

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Stadt? Schon, aber... Und das Spaghetti-Eis.

Simi Will: Und das Spaghetti-Eis. Na, ich war heute, ich mag ja eher das Eis in der Neustraße,

Simi Will: aber da weiß ich noch nicht mal, wie die heißen.

Simi Will: Das ist auch sehr lecker. Also es gibt einfach schon zwei, drei Eisdien,

Simi Will: die sind sehr gut, das stimmt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Glacé-Manufaktur heißt das.

Simi Will: Glacé-Manufaktur, genau.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also gehen jetzt auch die Größe hier raus.

Simi Will: Ja, genau.

Simi Will: Also es ist das Kulturding, wo ich jetzt meinen Platz gefunden habe, das auf jeden Fall.

Simi Will: Ich mag inzwischen auch die Umgebung hier. Das ist einfach eine total schöne

Simi Will: Landschaft. Das vergisst man gerne.

Simi Will: Ich mag, dass ich noch alle aufregen kann, wenn ich das will.

Simi Will: Fühlst du das manchmal? Manchmal schon.

Simi Will: An so grauen Wintertagen an Fußgängerampeln stehen und das Gegenüber ignorieren

Simi Will: und dann ins Gespräch gehen. das liebe ich.

Simi Will: Da kannst du direkt alle aufscheuchen, indem du einfach nur was ganz Normales sagst.

Simi Will: Weißt du, was ich meine? Ja. So. Und einfach so humanistisch durch die Innenstadt

Simi Will: laufen und einfach mit den Leuten reden.

Simi Will: Das kann ich nicht immer, das will ich auch nicht immer. Aber wenn ich gut drauf

Simi Will: bin, will ich das immer teilen.

Simi Will: Und dann bin ich gerne extrovertiert und sehe irgendeine alte Frau,

Simi Will: die da am Probieren ist und dann quatsche ich sie an.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Finde ich auch ganz schön. Tatsächlich, und ich frage mich immer,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: liegt es daran, dass die Leute mich irgendwie noch aus dem Fernsehen von früher

Janboris Ann-Kathrin Rätz: kennen? Oder ist es so, dass man sagt hier auf der Straße noch einen guten Tag?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also jetzt nicht auf der Fußgängerzone, aber hier, wenn du jetzt auf dem Gehsteig hier...

Simi Will: Ja, das stimmt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist so ein Grund, ich nehme dich erstmal wahr und ich sage irgendwie

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hallo, ich sehe dich und ich grüße erst mal so und ich wünsche einen guten Tag

Janboris Ann-Kathrin Rätz: im wahrsten Sinne des Wortes. Ich finde, das ist eine schöne menschliche Geste,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die wir im Rhein-Main-Gebiet,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: findet nicht statt. Das ist eigentlich schade.

Simi Will: Stimmt, man grüßt sich hier noch.

Simi Will: Das stimmt. Aber auch, ja, aber manchmal ist es auch, ich habe auch oft den

Simi Will: Eindruck, oder die Kehrseite ist, dass die Trierer Prossi sehr so im Tal ist

Simi Will: und sehr abgeschlossen ist.

Simi Will: Also man hat schon, man fühlt sich manchmal weit ab von allem.

Simi Will: Köln ist zwei Stunden weg.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Luxemburg geht noch.

Simi Will: Luxemburg, ja. Luxemburg ist auch toll. Und ich finde die Nähe zu Luxemburg

Simi Will: ist fantastisch. Also Luxemburg ist, ich liebe es. Die haben halt Geld.

Simi Will: Da gibt es alles, weißt du.

Simi Will: Und der Bus kostet nichts. Und meine Schwester lebt da. Und ich bin da oft.

Simi Will: Das ist schon geil. Und ich tue dann manchmal so, als ob das alles so ein Trier-Gebiet

Simi Will: ist. Ich fahre dann einfach mal nach Luxemburg.

Simi Will: Oder ich fahre nach Rio zu meinen Eltern. Das gehört alles noch zu Trier für mich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber das finde ich lustig, weil das sage ich nämlich im Rhein-Main-Gebiet auch.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich vergleiche es dann auch tatsächlich immer mit Berlin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil ich sage, mein Kiez ist Mainz. Und ich gehe aber nach Wiesbaden ins Theater.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich gehe nach Frankfurt zum Beyoncé-Konzert. Die kommt ja nicht nach Mainz,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sondern nach Frankfurt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und nach Darmstadt, nach Rüsselsheim, wo auch immer was ist,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wo ich dann halt hingehe.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und in Berlin fährst du, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Dreiviertelstunde

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit der S-Bahn irgendwo hin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hier oder in Mainz ist es ein bisschen anders.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das überlege ich mir zweimal, ob ich nach Offenbach fahre oder nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist halt auch nur eine Dreiviertelstunde mit der Bahn irgendwo hin.

Simi Will: Ja, also das ist hier natürlich legendär. Wenn ich irgendwie abends halb acht

Simi Will: überlege, ich gehe noch schnell ins Theater und checke mal, ob ich noch eine

Simi Will: Karte kriege, gehe ich mit der Jogging-Buchs schnell mal rüber. Weißt du?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das Einzige, was raus ist, ist von Mainz, ich habe kein Auto,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Trier zu kommen.

Simi Will: Wie bist du jetzt gekommen mit der Bahn?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich liebe das, mit diesem Doppeldecker-Bus von Idar-Oberstein hierher zu fahren.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ach echt? Das ist ganz toll. Da fährst du über den Erbeskopf.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich bin jetzt schon zu verschiedenen Jahreszeiten gefahren. Ich habe das Deutschland-Ticket,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist im Preis inbegriffen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Fahre ich mit der Regionalbahn nach Idar-Oberstein, steige dann in diesen Doppeldecker-Bus.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wenn ich Glück habe, sitze ich vorne und fahre dann da durch den Hunsrück.

Simi Will: Ach echt? So was gibt es?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, das ist toll.

Simi Will: Okay, kannst du mal sehen. Wieder was Neues erfahren. Der Doppeldecker-Bus ab Ida-Oberstein.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wobei auch die Regionalbahn an der Mosel entlang ist natürlich auch sehr schön.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Du fährst dann erst an der Mosel entlang bis nach Koblenz und dann Koblenz den

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Rhein runter wieder bis nach Mainz. Das ist auch okay. Also schön ist auch das.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich liebe den Doppeldecker-Bus nur noch ein bisschen mehr.

Simi Will: Doppeldecker-Bus, da muss ich mal drauf achten, das habe ich noch nie gehört.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Fährt ab am Bahnhof, die 800.

Simi Will: Die 800, das ist wie der 100er-Bus in Berlin, wo ich immer gesagt habe,

Simi Will: Touris, setzt eure Eltern in den 100er-Bus, dann fahren sie einmal quer durch

Simi Will: die Stadt, Haben sie alles gesehen, dann geht ihr noch was essen,

Simi Will: dann ist der erste Tag schon rum.

Simi Will: Der 100er Bus, der 800er Bus ist das in dem Fall.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Die Nummer 800.

Simi Will: Die 800 ab Idar-Oberstein. Herrlich. Ich finde dann, ich kriege dann sofort

Simi Will: wieder einen zu viel, weil es gibt keine ICE-Verbindung mehr nach Trier.

Simi Will: Und das finde ich eine Katastrophe. Das kann nicht sein für einen Studentenstaat.

Simi Will: Also wer auch immer dafür zuständig ist, bitte, bitte macht da wieder eine ICE-Verbindung

Simi Will: hin. Dann ist hier auch mehr...

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Dann würde ich tatsächlich auch häufiger nach Trier kommen.

Simi Will: Ja, es kann nicht sein, dass du von Koblenz bis Trier drei Stunden mit der Bummelbahn.

Simi Will: Es müsste beides geben. Wenn du schön da an der Mosel entlang bummeln willst, ist ja schön.

Simi Will: Aber wenn du mal von A nach B musst in einer Stunde, kannst du ja Koblenz Trier machen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil ich wirklich sehr gerne hier bin. Das ist, was ich fühle mich in dieser

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Stadt schon sehr zu Hause und sehr wohl und auch irgendwie sehr gewertschätzt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: von den Menschen, wenn es nur so Kleinigkeiten sind wie, es ist guten Tag,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: hier so im Wohnviertel zu sagen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wobei ich auch sagen muss, das einzige Mal, dass ich in meinem Leben aus einem

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Laden rausgeflogen bin, war in Trier.

Simi Will: Wo?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Jetzt muss ich jetzt aufpassen, was ich sage. Auf der Fußgängerzone und ich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: habe für diesen Abend mit Ivan Summersky und Daniela Corella Flyer verteilt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und Werbung gemacht und bin in ein Geschäft reingegangen und habe so ein bisschen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: erzählt, was wir da machen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann habe ich davon gesprochen, dass da zwei KünstlerInnen auftreten.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also ich habe diesen Glottisschlag benutzt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und diese Person in diesem Laden ist komplett ausgerastet, schrie mich an,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ich soll nie wieder dieses Innen sagen zu ihm, wo ich gesagt habe, also,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: bei allem Respekt, Sie können mir jetzt nicht, also Sie müssen das nicht tun,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber Sie können doch jetzt mir nicht vorschreiben, wie ich,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in seinem Laden könnte ich das, also in seinem Laden hörst du raus,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was für ein Mensch da saß und dann hat er mich tatsächlich rausgeschmissen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: In Trier. Also ich gratze gerade selber an meinem Trier ist so toll Bild,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil das ist hier passiert.

Simi Will: Dass das hier passieren kann, das kann überall passieren, das ist ja das Schlimme.

Simi Will: Aber in welchem Laden war das? Was ist das?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das interessiert mich. Ich mache das jetzt nicht.

Simi Will: Machst du nicht offen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich sage dir das nachher, wenn das Mikro aus ist.

Simi Will: Okay, okay. Das interessiert mich wirklich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: In den amerikanischen Podcasts sagt man dann immer bei Patreon,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da musst du jetzt in die Bezahlvariante wechseln. Und da sage ich das dann.

Simi Will: Oh, da sagst du das dann. Ja, es gibt ja das natürlich überall.

Simi Will: Es gibt ja das natürlich, natürlich, natürlich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich weiß aber den Namen des Ladens auch nicht mehr. Ich könnte den jetzt beschreiben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: was für eine Art Laden es war, aber das lasse ich jetzt um.

Simi Will: Nee, das kannst du nachher, dann kriege ich das raus. Mich interessiert das jetzt brennend.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Hab ja dann auch Mitleid. Das ist ja, wie gesagt, ich will den Leuten ja nichts Böses mit dem.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich weiß, dass das sprachlich schwierig ist, jetzt nicht binäre Lebensrealitäten

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwie sprachlich abzubilden.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil natürlich werde ich in der Arztpraxis mit Herr Räts aufgerufen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: auch wenn ich das nicht möchte und es sich für mich auch nicht richtig anfühlt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber es gibt halt kein anderes Wort als Herr und Frau.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ist es aber meine Aufgabe, dann jetzt ein neues Wort zu erfinden?

Simi Will: Ich weiß es nicht. Was ist denn jetzt so, also Herr, Frau, ja.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Für mich fühlt sich das nicht richtig an. Herr Räts fühlt sich für mich ganz

Janboris Ann-Kathrin Rätz: komisch an. Ich weiß es nicht und das ist ein Bauchgefühl, was ich habe.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und da haben wir vorhin auch schon drüber gesprochen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Mein Bauchgefühl hat in der Regel recht. Und Herr Räts fühlt sich für mich falsch

Janboris Ann-Kathrin Rätz: an. Ich bin nicht Herr Räts. So, was bin ich dann?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Neulich in einem Workshop sind wir dann irgendwann auf den Trichter gekommen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir könnten ja Person Räts sagen. Da habe ich ein gewisses Faible für.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und so im Regel, ich es in der Regel in den Arztpraxen, in denen ich bin,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da werde ich mit Vorname und Nachname aufgerufen, die sagen Jan-Boris Räts,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: habe ich auch kein, warum muss man überhaupt.

Simi Will: Einen Anwendung zu schreiben haben, man hat ja einen Namen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So, wofür brauche ich das?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und das ist jetzt zwar datenschutzmäßig auch nicht wirklich schön,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber ich war neulich beim Hautarzt in so einem Spezialfall und da wurde eine

Janboris Ann-Kathrin Rätz: von mir muslimisch gelesene Person, eine Frau mit einem Kopftuch,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die wurde mit ihrem Geburtsdatum aufgerufen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da wurde der Name gar nicht gesagt, weil er wahrscheinlich zu kompliziert war.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Datenschutzrechtlich jetzt auch, aber da habe ich auch gedacht, na guck mal einer an.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt ja eine Alternative. Also du musst die jetzt nicht mit Frau aufrufen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sondern du kannst auch einfach das Geburtsdatum sagen. Kann man ja bei mir auch machen.

Simi Will: Das geht ja auch. werden ja nicht sieben Leute

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Im Wartezimmer sitzen. Aber das ist ja auch nicht das einzige Problem.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das nächste Problem ist dann bei Pronomen. Wenn du jetzt über mich sprichst

Janboris Ann-Kathrin Rätz: bei anderen, dann sagst du wahrscheinlich, weil du es so beigebracht bekommen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: hast, er. Das ist so ähnlich.

Simi Will: Ich wüsste es bei dir nicht. Ich wüsste jetzt nicht, sage ich sie oder er.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Beides fühlt sich für mich nicht richtig an. Ich bin weder sie noch er.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich versuche mich gerade so ein bisschen frei davon zu machen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dass es meine Aufgabe ist, jetzt eine Lösung dafür zu finden,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil ich finde nicht, dass es meine Aufgabe ist.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt verschiedene Varianten über they them oder they them mit d geschrieben, xia, xem, nin, ens.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es gibt mannigfaltig Möglichkeiten.

Simi Will: Aber ist dir dann am liebsten mit ganzem Namen genannt zu werden?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Am allereinfachsten ist es tatsächlich nur den Vorname zu sagen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Also wenn jetzt jemand fragt, wo ist Jan Boris? Jan Boris ist auf dem Klo.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Oder Jan Boris, das ist der Stift von Jan Boris. Oder weiß ich nicht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: fragen wir Jan Boris. Dann sagst du zwar sehr oft meinen Vornamen,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber das macht mir nichts.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das funktioniert tatsächlich ganz gut.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Auch nicht in allen Fällen, aber hey, in Schweden hat man irgendwann vor ein

Janboris Ann-Kathrin Rätz: paar Jahren, weiß ich nicht wieviel Jahren, da gibt es Hon und Han für männlich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und weiblich die Pronomen und dann hat man irgendwann das geschlechtsneutrale Hen dazu gemacht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: So eine Debatte bräuchten wir in Deutschland eigentlich auch,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: eine sachliche Debatte, wie

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wir denn mit Menschen außerhalb des binären Spektrums umgehen, sprachlich.

Simi Will: Wenn wir das hätten, wäre die ganze Diskussion ja vorbei.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich glaube nicht, dass wir eine sachliche Debatte führen können an dem Punkt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gerade. Weil jedes Mal, wenn ich was zu Neopronomen im Internet poste,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: in meinem Insta-Kanal, ja dann, also...

Simi Will: Also mir wird es irgendwann schwierig.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Same, herzlich willkommen im Club. Für mich ist es auch schwer.

Simi Will: Aber dann muss für mich die nicht binär gelesene Person mir helfen,

Simi Will: wie ich es am besten mache. Weil ich weiß es nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann machst du es immer noch falsch? Und ich glaube auch der Grundfehler

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist schon mal, dass man es dann unbedingt richtig machen will, macht dann Fehler.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich merke ja, ob eine Person mit mir respektvoll umgeht oder nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Eine Führungskraft im SWR hat zu mir immer wieder Herr Räts gesagt und ich merkte

Janboris Ann-Kathrin Rätz: genau, warum sie das tut.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil sie mich an dem Punkt erwischen wollte. Das finde ich dann,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: da werde ich katzig. Aber wenn ich merke, es geht jemand respektvoll mit mir

Janboris Ann-Kathrin Rätz: um und sagt dann er oder ihm oder sein, das ist mir dann auch wurscht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil ich merke, die Grundherzlichkeit ist da.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Schwierig ist das für uns alle. Und wir bräuchten eigentlich eine sachliche

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Debatte. Und dann müssten wir das, um einer sprachlichen Entwicklung eine Chance

Janboris Ann-Kathrin Rätz: zu geben, müssten wir es alle üben. Ganz sachlich.

Simi Will: Wie sonst auch in Grundschulen. Das ist das, das ist das, das ist das und das ist das, das.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und weißt du, wir lassen ja jede anderen sprachlichen Entwicklungen wie Alter und Diggi und 6-7.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und 6-7. Ja, das alles ist kein Problem. Aber Neopronomen, nein, das geht nicht.

Simi Will: Und das bedeutet nichts. Null, null, gar nichts.

Simi Will: Also ich finde es ja irgendwie witzig, so 6-7 hier in der Schule.

Simi Will: Und ich so, ey, 6-7, das ist mein Geburtsdatum. Ey, krass.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, geil.

Simi Will: Ey, krass. Und was bedeutet das? Ja, 6-7 halt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, Triple T ist auch irgendwie sowas. Hatten wir neulich, auch auf der Fahrt

Janboris Ann-Kathrin Rätz: hierher, fragten mich so Jugendliche, kennen Sie Triple T?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Bedeutet genauso viel, nämlich Nüschte, wo ich gedacht habe, nee, kenne ich nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Muss ich, glaube ich, auch nicht kennen. Aber hey. Aber weißt du,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das sind lauter sprachliche Entwicklungen, die sofort, das funktioniert sofort.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Anglizismen sind sehr schnell in der deutschen Sprache drin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Finde ich die immer schön? Nee, nutze ich sie?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ja, Sprache entwickelt sich, wird sich immer entwickeln.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und neulich bei einer Veranstaltung habe ich mal Petra Gerster getroffen.

Simi Will: Ah, Moderatorin, so eine heute.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Heute, bei dem ZDF. Und da bin ich zu ihr hin und habe mich bedankt,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: weil sie war eine der Ersten, die in der Nachrichtensendung den Glottischschlag,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: also dieses Innen gesprochen hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann hörte sie mir so zu und guckte mich an und war auch sehr freundlich

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und sagte, ich habe das aber nicht für trans nichtbinäre Personen gemacht,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: sondern ich habe es gemacht, um Frauen sprachlich abzubilden und nicht nur das

Janboris Ann-Kathrin Rätz: generische Maskulinum zu benutzen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich gesagt habe, ja und genau deswegen bedanke ich mich.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Weil es ist, wir kämpfen einen queer-feministischen Kampf, weißt du,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: das geht mir nicht nur um queere Rechte, sondern es geht mir,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: und da bin ich wieder beim Vorschlag des Matriarchats, dass wir,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Für wen ist das sinnvoll, ausschließlich das generische Maskulinum zu benutzen? I don't get it.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wegen mir kann man auch das generische Femininum benutzen. Bin ja auch fein mit.

Simi Will: Ich kann mich echt erinnern, in den frühen 80er oder Mitte 80er,

Simi Will: da fing das an an der Uni, dass man gegendert hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber wie? Noch nicht mit dem Innen, sondern...

Simi Will: Doch, mit Sternchen Innen, glaube ich. Das ist ja hochinteressant.

Simi Will: So früh. Also aber lediglich in den hochliterarischen Gefilden,

Simi Will: in der Germanistik. Ich habe drei Semester Germanistik gemacht und da kam das

Simi Will: vor, also in so wissenschaftlichen Schriften und so. Und da haben wir gesagt, oh was soll das denn?

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das stimmt. Ich habe neulich Texte gesehen aus dem 1700 irgendwas,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: also 18. Jahrhundert und da war Teilnehmende, Lehrende, Studierende stand da drin.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich habe das jetzt nicht gegengecheckt, wie Valide diese Quellen sind.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber ich dachte, sieh mal einer an. Also es ist also offensichtlich kein Trend,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: den jetzt irgendwelche verrückten Transwoken Linkys sich irgendwie aus dem Finger gesogen haben.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und ich rede sehr despektierlich über mich selbst, wie es Rechte ja uns gerne

Janboris Ann-Kathrin Rätz: vorwerfen, sondern es ist was, was die Sprache hat das schon immer so benutzt.

Simi Will: Aber hey, es ist Wahnsinn. Ich denke halt oft, da wird auch über die Sprache

Simi Will: ein Krieg ausgefochten, der einfach in der Mitte der Gesellschaft eigentlich seinen Platz hat.

Simi Will: Und man müsste in die Diskussion gehen, aber es ist keine Diskussion.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und Krieg ist ein gutes Stichwort, weil leider sind es ja immer erst Worte und

Janboris Ann-Kathrin Rätz: dann kommen Taten und wir können das sehen als queere Community,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Gewalt gegenüber queeren Menschen steigt seit Jahren rasant an und das ist

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ein Alarmzeichen eigentlich und es passiert nichts.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Es wird so getan, nee, brauchen wir nicht. Diese ganzen Projekte,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: diese ganzen Programme, Demokratie, Leben und so, das kommen wir jetzt alles einstellen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Da geht es natürlich nicht nur um queere Menschen bei Demokratie leben,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: aber es geht auch um queeres Leben und es geht ums Leben von marginalisierten Gruppen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Ich finde, es sollte in unserer Gesellschaft ein Alarmzeichen sein,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: wenn Gewalt steigt, gerade an der Bevölkerungsgruppe,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: gegenüber, die auch schon in der Nazi-Diktatur verfolgt wurde,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die in den KZs gebranntmarkt wurde, die zu Zwangsarbeit gezwungen wurde und vernichtend wurde.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann heute zu sagen, eine Bevölkerungsgruppe, der das passiert,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ist egal, müssen die selber mit klarkommen, finde ich ehrlicherweise vermessen.

Simi Will: Ja, es geht nicht. Aber da denke ich schon wieder dran, in der Ex-Präventionsarbeit

Simi Will: Mitte der 90er habe ich mein Diplom geschrieben über wie notwendig ist HIV-Prävention

Simi Will: an Schulen in Prenzlauer Berge Mitte, also Berliner Bezirke.

Simi Will: Und wir haben da Schoolwork-Projekte gemacht, haben das wirklich evaluiert und geguckt.

Simi Will: Und die Zahlen, die Infektionszahlen sind zurückgegangen Mitte der 90er.

Simi Will: Warum? Weil es so viele Aufklärungsprojekte gab, weil wir in die Schulen gegangen

Simi Will: sind, weil, weil, weil. Und dann wurde sofort gekürzt.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und weil eine CDU-Politikerin, die Grüße gehen raus, die ist,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Gott hab sie sehe ich, Rita Süßmuth, die Politik gemacht hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die Gesundheitsministerin, die sie gemacht hat.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und wir hätten auch, es gab zwei Lager in der CDU damals, von Rita Süßmuth,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: die sich Gott sei Dank durchgesetzt hat und Gauweiler damals,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: der wollte HIV-positive Menschen in Lager stecken.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das muss man sich alles überlegen, wo wir herkommen, geschichtlich herkommen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Und dann zu sagen, queere Menschen spinnen da jetzt irgendwie rum und malen

Janboris Ann-Kathrin Rätz: irgendwie ein Bild an die Wand, was so nicht stimmen würde, das stimmt nicht.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Wir haben erlebt immer und immer wieder, wie Gesellschaft uns ausgegrenzt hat,

Janboris Ann-Kathrin Rätz: ausgrenzen wollte und uns erfolgreich geschafft hat, uns erfolgreich auszugrenzen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Spoiler Alert, wir werden immer stärker sein und die Liebe wird immer gewinnen.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Durch welches tiefe Tal wir da jetzt durch müssen, I don't know.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Aber es wird am Ende des Tages immer queere Menschen geben und es wird am Ende

Janboris Ann-Kathrin Rätz: immer die Liebe gewinnen.

Simi Will: Ja.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Das ist eigentlich ein Schlusswort.

Simi Will: Ne? Ja, perfektes Schlusswort.

Janboris Ann-Kathrin Rätz: Diese Episode wurde gefördert von der Stadt Trier.

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